Berlin 1961-1989 aus erster Hand: Wider den Einheitsbrei

20 Jahre nach dem Mauerfall durchdringt jene Endlosschleife von den immer selben Bildern des Mauerfall sogar das Netz, und kommt so auch zu mir durch. Verschiedene Leidtragende des ritualisierten Gedenkens eines noch immer nicht geeinten Deutschland machen ihrem Frust über den Einheitsbrei anläßlich der Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung im Netz Luft. Wir haben einen Fernseher, aber keinen Empfang. Darum flimmern hier höchstens geliehene DVD über die Röhre, und die kann man sich schließlich aussuchen – anders als eine gleichgeschaltete Berichterstattung.

Wer hingegen im Netz unterwegs ist trifft bei jeder Gelegenheit auf virtuelle Mahnmale. Google macht es mit einem Doodle den Anfang, trifft selbst bei Branchen-spezifische Medien auf allerlei Gedöns, um am Ende vom Tag den Computer mit dem Gefühl abzuschalten, das alles erinnere an das Weihnachts- und Silvester-Fernsehprogramm mit seinen Evergreens. Sind es nicht immer die selben Aufnahmen von den Grenzübergängen, Schlagbäumen, von den jubelnden Wessis, über Welle um Welle der kleinen Trabanten und Wartburg an den bewaffneten Grenztruppen vorbei fahren? Nicht nur das es immer die selben Bilder sind, man gewinnt auch den Eindruck es seien sogar die selben Einstellungen.

Social Community ist seit Jahren ein Schlagwort, und flickr hier im Bereich Bilder einer der Innovatoren. Der Bilderdienst erlaubt Bilder zu veröffentlichen, zu kategorisieren und katalogisieren, zu verschlagworten und ihnen neu arrangiert ganz andere Bedeutungen zu geben. Dem entsprechend bietet flickr eine Gruppe unter dem Titel Geschichte erleben: Berlin 1961-1989 an, in der Nutzer ihre visuellen Eindrücke vom geteilten Berlin ausstellen können.

Mauerfall5
Gewiss keine handwerkliche Meisterleistung, aber genau das was ich zu beschreiben versuche. Im Hintergrund, in der Unschärfe die üblichen Bilder, wie sie dieser Tage über die Monitore flimmern werden. Im Vordergrund was für die Inidivduen von Wert war, ihre Gegenwart bei diesem Ereignis zu dokumentieren. Genau die Individuen, denen das System der DDR keinen Raum lies und das sich im Hintergrund Luft verschafft und sich im Aufbruch befindet. Witziger Untertitel allemal, und eines der besten Bilder zur Einheit.

My then-girlfriend and I in front of the Wall. Terrible picture of me, but hey, history hits when youre least prepared.

Leider nicht einzubetten, daher nur als Link: Demonstration vor dem Palast der Republik am 4. November 1989, und obwohl hier wieder die Masse im Vordergrund steht, ist sie nicht so dokumentiert wie es die Fotografen und Videojournalisten dieser Tage sonst immer gemacht haben, nämlich in die schiere Menge hinein zu filmen, womit sie vermutlich – etwas unprofessionell – ihren persönlichen Gefühlen freien Lauf ließen. Gerade dies Bild, mit den beiden Symbolen der DDR, dem Ballast der Republik und dem Wappen, den Demonstranten davor vermittelt viel unmissverständlicher, was in Videodokumentationen immer versucht wird zu dokumentieren, nämlich der vom Volk ausgehende Freiheitswille. Im Grunde aber sind es doch immer jene obrigkeitshörigen Bilddokumente, von Genscher, Kohl, Gorbatschow auf der einen Seite, darunter das jubelnde befreite Volk quasi als Bittsteller. Oder aber Schabowskis, der zitternde Vertreter eines sterbenden Systems, der ihm den letzten Hieb verpasst und damit glücklicherweise denen die Show stiehlt, die Jahrzehnte lang an den Schalthebeln der Macht für das größte Gefängnis der Welt verantwortlich waren.

The road to Steinstuecken, Berlin, c.27 December 1964 »Die Straße nach Steinstücken« ist mit ziemlicher Sicherheit nur den Wenigsten ein Begriff, wie auch mir bisher. Berlin-Steinstücken kam bei der Isolierung von West-Berlin eine besondere Rolle zu, denn hier versuchte das DDR-Regime eine nicht zum russischen Sektor gehörige 300 Seelen-Ortschaft zu anektieren. Kompromisslos zeigten sich damals die Amerikaner, die auf der demokratischen Insel kurzerhand einen eigenen Stützpunkt einrichteten, und diesen über eine eigene kleine Hubschrauber-Luftbrück versorgten. Besonders interessant finde ich die dem Bild angefügten Kommentare, also ruhig mal darauf klicken und mit der Maus über das Bild fahren.

Looking over the Berlin Wall into East Berlin, 1985
Das Foto dokumentiert Sehnsucht ziemlich eindrücklich, wie ich finde.

Endstation, Potsdamer Platz, Berlin, 29 August 1962
Der Fotograf gab der Tram auf dem Gleisstumpf vor der Mauer den Titel »Endstation Potsdamer Platz, Berlin 29. August 2009«.

memoriarobada002-BERLIN-1966
Das Schild inmitten des Todesstreifens trägt die Aufschrift:

WER DIE STAATSGRENZE MIT GEWALT EINRENNEN WILL / WER AN DER MAUER PROVOZIERT / MACHT ALLES NUR SCHLIMMER !

Ost-Berlin
Wer sich nochmal die Unterschiede und Individualität im Osten in Erinnerung rufen möchte, die der Gefangene Bürger der DDR ausgliefert war, findet diese beispielsweise in der Kraftfahrzeugindustrie wieder. Wer erkennt den Unterschied zwischen Trabant und Wartburg? Genau, Farbe und Logo.

Berlin Wall at Luckauer Strasse, c.24 December 1964 Beispielhaft: Die Mauer mitten durch die Stadt, hier an der Luckauer Straße im Jahr 1964.

Bildnachweis in der Reihenfolge: mattmc89, allhails, paul in Skellefteå / Paul Thompson, wieder allhails, .Kailos P(hotography)., Highranger / Jonathan Berry und – last but not least – wieder allhails.

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