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Das gefallene iPhone

Update

Zurück am Computer staunte ich nicht schlecht: Dieser Beitrag hatte ein paar Leser gefunden, dabei war ich offenkundig nicht der einzige, der das Video zum Thema gemacht hatte. Neben den inzwischen schon zu den klassischen Medien zählenden wie Mashable, Gismodo und Huffington Post griffen auch Blogs die Geschichte auf, darunter die üblichen Verdächtigen Stadt Bremerhaven und dressed like machines, aber mir auch bisher gänzlich unbekannte wie Jannewap, blogtogo.de, ein Hinweis auf dasklonblog.com mit einem Video der Blue Man Group und Stadtkind Frankfurt mit Bildern vom Frankfurter Apple Store mit Drängelgittern: Ordnung muss sein! Damit sind gleich mal wieder ein paar neue Blogs in meinem Feedreader gelandet.

Als Windows Phone-Nutzer der ersten Stunde verspürte ich im ersten Moment eine gewiss Schadenfreude, als ich von der Nachricht las: Das soeben erworbene iPhone 6 sei einem Kunden direkt aus der Packung auf den blanken Asphalt gestürzt. Obwohl ich es nicht stürzen sah, wusste ich instinktiv: Das ist ein tolle Schlagzeile. Das war primitiv. Dafür schämte ich mich sofort und suchte nach einer schlüssigen Ausrede für mein dämliches Grinsen.

Die fiel mir auch sofort ein. Natürlich richtete sich der Spott nicht etwa gegen einen der zigtausend vor den Apple Stores auf allen Kontinenten kampierenden Apple-Fanboys: Der eine Apple-Fanboy, dem das Missgeschick geschah, war vor lauter Aufregung durch die laufende Kamera nebst Live-Übertragung ins landesweite Fernsehen etwas passiert das dem normalen Konsumenten gewiss nicht unterlaufen wird.

Weil sie nicht in Echtzeit in Millionen Fernseher landesweit übertragen werden. Und es wird ihnen nicht passieren, weil nicht neben jedem Apple-Fanboy ein blöder blonder Erzengel des Qualitätsjournalismus steht, der ihn noch auf der Schwelle des Apple-Store dazu nötigt das Gerät auszupacken. Sie werden es in der Regel wie rohe Eier behandeln, wenn nicht gerade Helmut Kohl in der Nähe ist. Der wenig eloquenten Reporterin vor Ort gelingt es aber nicht einmal allein ihr Mikrofon zu halten, wobei ihr der junge Mann zunächst noch hilft. Als sie ihm dann den Überzieher um die Verpackung entfernt, kommt es zunächst zur Staffelübergabe, Mikrofon gegen Verpackung. Und als die Verpackung ob des darin entstehenden Unterdruck ihren Inhalt nicht sofort preis gibt, hilft er nach bis das fabrikfrische iPhone 6 zu Boden fällt, da es aus weder irgendwie befestigt ist noch die Verpackung das ankündigt.

Apple hat sich offenbar zum Ziel gesetzt das iPhone beim Kunden wie in einer Mischung aus Schrein und Bahre zu präsentieren. Kann man machen, dann ist man allerdings scheiße. Jeder gute Ingenieur hätte davon abgeraten. Wie man so was macht kann man beispielsweise beim HTC 7 Pro sehen.

Doch meine Kritik richtet sich nicht in erster Linie an mich selbst, die blöde Trutsche vom TV oder Apple. Ich empfinde es eher als bezeichnend, das ein Wirtschaftsmagazin wie das Handelsblatt das als Aufhänger für die Berichterstattung zum Verkaufsstart des Apple iPhone 6 macht. Dem entsprechend hart habe ich auf Twitter reagiert. «Geht sterben.« habe ich der Redaktion auf die Ticker-Meldung via Twitter geantwortet. Mehr noch, man gibt den schadenfreudig erregten Lesern sogar noch Handlungsanweisungen: »Sollte sich das Video nicht öffnen, können Sie es über diesen Link direkt ansehen.«

Damit meinte ich natürlich die gesamten verkommene Medienbranche, die erst Unmengen damit verdient die Geräte zu teasern und um dann deren Konsumenten vorzuführen. Der blonden Frau steht die Schadenfreude mindestens ins Gesicht geschrieben, weil sie vermutlich den selben Kurzschluss im Gehirn erlitt wie ich: Man kann das Phänomen nicht verstehen, darum verlacht man es. Ich bedaure die Frau mindestens so wie den jungen Mann wie mich. Aber das Handelsblatt macht daraus eine eigene Story. Das ist so als würde ich über jeden einzelnen der 200 gefeuerten Mitarbeiter der FAZ einzeln berichten. Das Handelsblatt war verdammt nochmal ein Wirtschaftsblatt. Die sollten sich auch so verhalten. Stattdessen erniedrigen sie sich selbst zu einer dicht bedruckten, orangefarbenen BILT. Bedauerlich.

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