Earl Grey unter der “facepalm”

Jean-Luc ging mit einer ganzen Generation auf Reisen in unendliche Weiten.

Über den Kitsch der in den späten 1960er, frühen 1970er Jahre unter dem Eindruck der noch vor Kraft strotzenden Raumfahrt entstandenen ersten Serie hinaus gewachsen, beschleunigten Untertassensektion und Rumpf der neuen “Enterprise 1701-D” jeden Werktag auf 25 Bilder pro Sekunde, um sodann in einem Punkt auf den Mattscheiben und einem grandiosen Paukenschlag aus den integrierten Stereolautsprechern zu verschwinden.

Blu ray war damals nur Thema der Serie, nicht ihr Träger, Plasmabildschirme und Heimkino waren entweder noch nicht erfunden, oder noch nicht beim Otto Normalverbraucher angelangt.

Seinen Earl Grey genoss Jean-Luc trotzdem, so wie der Zuschauer “seine” Serie: hier wurde mit Wasser gekocht, man sah was mit Liebe gemachtes.

In der selben Zeit entstanden auch viele Computerspiele, deren Qualität vor allem am Einfallsreichtum ihrer Schöpfer abhinge, die in teils kleinsten Teams Phantasiewelten entstehen ließen, die sich in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen zu etwas weit komplexerem entfalteten als die teils einfältigen Gerüste heutiger Millionenproduktionen:  Computerspiele haben Kinofilme längst überholt – ausnämlich der recht eingeschränkte Choreographie der Besucher, die zum Teil nicht über den Aktionsradius des typischen Besucher eines Vergnügungsparks hinaus gehen: Rumlaufen und -fahren, abwarten oder –schießen. Eingerichtet sind die interaktiven, vernetzter Welten heute wesentlich ansehnlicher, an musikalischer Untermalung und begleitendem Videomaterial fehlt es ebenso wenig wie am Merchandise. Seelenloser sind die Spiele allerdings oftmals auch, weil der Phantasie ein Riegel Regieanweisungen, Drehbücher und der erfolgreiche Vorgänger oder Mitbewerber mitsamt Spielidee- und Konzept vorgeschoben wird. Und so endet der kreative Prozess dort, wo er früher begann: im Kopf bei der Idee. Der Rest ist industrieller Fertigungsprozess.

Natürlich können auf diese Weise auch schöne Dinge entstehen. Nicht immer wenn das Skizzenbuch niedergelegt wird und man ans  Zeichenbrett tritt wird Kreativität der Prozess gemacht.

Doch sind die Kommentare, einst schärfste Waffe im Repertoire der schreibenden Zunft, zum Rohrkrepierer geworden. Bei der FAZ liest man was gegen Ypsilanti und in der taz mutmaßte man über die wahren Bewegründe der “Phantastischen 4”: So viel Autopilot war selten. So wenig Korrektiv nie. Das Problem daran, das man weiß was geschrieben wird: Man braucht es nicht mehr lesen. Und weil es Nachrichten kostenlos im Internet gibt, braucht selbst für die Berichte niemand mehr zu zahlen: Das war beim medialen Goldrausch in den 1990er Jahren so. Und es ist noch heute so. Nur das die Zeitungen mehr Leser einbüßen als je zuvor, so viel das längst Werbebudgets zusammengestrichen werden, weil die kritische Masse  davon läuft. Und dann macht der Letzte das Licht aus.

In die Lücke stoßen die jungen Wilden: Blogger. Dank hochbezahlter “Social Media Berater” wissen das sogar die Verleger, und richteten sodann ihre Blogs ein. Derer gibt es gute Beispiele. Und dann gab es beispielsweise Focus Online.

So sieht es leider auch bei den so genannten FAZ-“Blogs” aus.

Julia @Zeitrafferin Seeliger, auf deren Blog ich vor Ewigkeiten das  diesem Blog seither zugrunde liegende Template entdeckt hatte, schrieb bis vor Kurzem für eben das Format. Da man bei den Holzmedien vom Bloggen aber so viel versteht wie ein Fisch vom Fliegen, wandte man wohl das über hunderte Jahre alte Handwerk auf das in erster Linie als Hobby betriebene Bloggen an, forderte eine höhere Schlagzahl, wohl auch Redaktionsethik-konformere Kommunikation auf ihrem Twitter-Kanal und  schaltete zuletzt ab.

Allein die Abschaltung des Blog: im Widerspruch mit dem Format. Allein die Anmaßung  inhaltlicher Mitbestimmung auf einem ganz anderen Kanal einer unabhängigen Journalistin gegenüber spricht schon Bände vom Verständnis von freier Berichterstattung.

Koexistenz von Blog- und Presselandschaft, in einem Leistungsschutzrecht-freien Ökosystem das auf Berichterstattung spezialisierten Journalismus finanzieren und Kommentaren von Bloggern zurückgreifen kann, das ist meiner Meinung nach die einzige Perspektive sowohl für freie Schreiber als auch Verlage.

Solang Holzmedien in “Blogs” aber weiterhin nur Raubkopien ihrer Werke anstatt möglicher Partner erkennen, solang man sich einerseits am Umsatz von Google beteiligt sehen möchte aber zugleich andererseits zur “Kostenloskultur” beiträgt, indem man alle eigenen Inhalte frei zugänglich macht, solang man für Blogger nur einen Spielplatz für zurechtredigierte Pamphlete bereithält oder mehr oder weniger Prominenten wie beispielsweise Silvana “Eurofighter” Koch-Mehrin beim Focus eine Plattform bieten will, solang bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Inhalte und Inhaber abgeschaltet werden weil Frequenz oder Tendenz nicht stimmten, solang hat es der klassische Journalismus nicht verdient als Nutznießer einer kooperativen Medienlandschaft von den Segnungen unabhängiger Blogger zu profitieren.

Geht sterben, liebe Verleger, so schöpft ihr nur Altpapier, aus Facepalm’en!

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