{"id":8236,"date":"2017-06-09T15:20:59","date_gmt":"2017-06-09T13:20:59","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=8236"},"modified":"2019-06-26T20:42:06","modified_gmt":"2019-06-26T18:42:06","slug":"egon-bahr-das-musst-du-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2017\/06\/09\/egon-bahr-das-musst-du-erzaehlen\/","title":{"rendered":"Egon Bahr: Das musst du erz\u00e4hlen!"},"content":{"rendered":"<p>&raquo;Wenn man \u00fcberzeugt ist, das Richtige und Notwendige zu tun, ist es besser mit wehenden Fahnen unterzugehen, als einzuknicken.&laquo; hat Willy Brandt h\u00f6chstselbst einmal gesagt, lang bevor er hin schmiss. Egon Bahr hat mit seinem &raquo;Das musst du erz\u00e4hlen!&laquo; auch eine sehr pers\u00f6nliche Biographie \u00fcber Willy Brandt abgeliefert, allerdings nicht zuletzt auch seine eigene Autobiographie. Ein paar Stichproben liefere ich hier, verbunden mit einer dringende Leseempfehlung meinerseits.<\/p>\n<h2>Erfahrung kommt von Erfahrungen<\/h2>\n<p>Es ist eine Tatsache, das wir weder in die ferne noch in die nahe Zukunft sehen k\u00f6nnen; Erfahrungen, auch Fehler der Vergangenheit, sind nicht erblich und also m\u00fcsse sie jeder selber machen. Mit dieser Quintessenz aus der Geschichte jedes Einzelnen und der der Welt insgesamt wartet Egon Bahr nicht bis zum Schluss, sondern kommt im Kapitel mit dem Titel &#8222;Alles oder nichts&#8220; darauf und in Fahrt.<\/p>\n<h2>Egon, der Eierkopf<\/h2>\n<p>Egon Bahr erz\u00e4hlt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jochen_Steffen\">Jochen Steffen<\/a> (seinerzeit SPD-Vorsitzender Schleswig-Holstein), der ihn mit den Worten &raquo;Solch einen Eierkopf k\u00f6nnen wir brauchen&laquo; f\u00fcr ein Bundestagsmandat empfahl. Damals war Bahr nur Entourage von Brandt, bei einer Wahlniederlage w\u00e4re er zum Versorgungsfall geworden.   Fortan pendelte er also zwischen Bonn und der Nordseek\u00fcste, wo er nun kandidierte. Damals war das noch eine stattliche Bahnreise, doch gewiss auch eine Pause vom hektischen Politikbetrieb der vor\u00fcbergehenden Hauptstadt der Bundesrepublik. Heute, da K\u00f6ln und Frankfurt nur noch eine Stunde mit der Bahn trennt, und man in vier im ICE in Hamburg ist beschwert man sich \u00fcber Funkl\u00f6cher nur noch, wenn man Euro- oder Intercity f\u00e4hrt und deswegen von den Eilmeldungen verschont wird.<\/p>\n<h2>Politkommissar trifft Wehrmachtsoffizier<\/h2>\n<blockquote><p>Beim Abendessen bei Brandt trafen mit dem ehemalige Politkommissar der Roten Armee Leoid Iljitsch und ein Oberleutnant der Wehrmacht Helmut Schmidt aufeinander zwei aufeinander, die jetzt zu Entspannungspolitik beitrugen, an der deutsch-russischen Front aber schon einmal gegeneinander gek\u00e4mpft hatten, was beide erste durch gegenseitige Schilderung der Schlachten bei Tisch erfuhren. Als der zur Unterzeichnung des Grundlagenvertrags angereiste l\u00e4ngst wieder in Moskau war, war es der M\u00fcnchener Provinzprominenz ein Bed\u00fcrfnis eine Einstweilige Verf\u00fcgung gegen den Grundlagenvertrag zu erwirken, die in m\u00fcndlicher Verhandlung in Karlsruhe mit einstimmigem Votum abgeb\u00fcgelt wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bayern, gegen den Grundsatzvertrag, das ist wie S\u00fcddeutschland, ohne Stromtrasse und Atomkraftwerke.   Geschichte wiederholt sich eben, und Seehofer ist auch nur ein untalentierter Strau\u00df.<\/p>\n<h2>Nationalsozialismus totschweigen, Sozialisten niederbr\u00fcllen<\/h2>\n<p>Bemerkenswert fand ich, das Helmut Schmidt, von dem ich nie besonders viel hielt, folgendes gesagt haben soll: &raquo;Es ist sch\u00e4dlich, dass nach 1990 mit den Kommunisten schlimmer umgegangen wurde als 1945 mit den Nazis.&laquo; Hat er nat\u00fcrlich Recht, aber hat sich nach der Wende auch nicht wirklich um M\u00e4\u00dfigung in unseren Reihen bem\u00fcht. Es gibt sie noch heute, die Mahner vor &#8222;den Kommunisten&#8220;, nicht nur in den Reihen der Stahlhelmfraktion der CDU.   Aber wer nicht vergeben kann, dem wird auch nie verziehen werden.<\/p>\n<h2>Bargeldlos<\/h2>\n<p>Willy Brandt d\u00fcrfte einer der wenigen gewesen sein, der in der gesamten Stadt bargeldlos einkaufen konnte, bevor das Buchgeld eingef\u00fchrt wurde: &raquo;Ich habe nie ein Portemonnaie in seiner Hand gesehen.   In einem Stammlokal verf\u00fcgte er, die Rechnung solle ins Rathaus geschickt werden.   Vor einer Reise nach Amerika fragte er, ob ich ihm nicht einen Redeauftritt gegen Honorar besorgen k\u00f6nnte. Er k\u00f6nne dann Rut mitnehmen.&laquo;<\/p>\n<h2>Exilant Brandt<\/h2>\n<p>Wer Nachkriegsdeutschland verstehen will, kann das indem er dessen Umgang mit Fl\u00fcchtlingen aus der Perspektive eines ehemaligen Fl\u00fcchtling nachempfindet: &raquo;Die Nationalsozialisten hatten Willy Brandt seine Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt, deshalb musste der bei seiner R\u00fcckkehr aus dem Exil seine Einb\u00fcrgerung beantragen. Verwaltungsakte, die das verbrecherische Regime vollzogen hatte, r\u00fcckg\u00e4ngig machen zu m\u00fcssen kommt doch einer nachtr\u00e4glichen Legitimation gleich&raquo;, fand Egon Bahr, und ich stimme zu. Allerdings waren die Beamten und Beh\u00f6rden ja auch dieselben.. Will sagen: Wenn der deutsche Apparat staatsb\u00fcrgerliche Pflichten aus staatsb\u00fcrgerlichem Unrecht des Deutschen Apparat ableitet macht er sich mit ihm gemein. Und so war es auch. Und daran erinnerte Bahr sp\u00e4ter: &raquo;Nach den Kriterien, die Joschka Fischer als Au\u00dfenminister anordnete, erhielten ehem. Mitglieder der NSDAP keinen ehrenden Nachruf mehr in der Mitarbeiterzeitschrift des Amtes.&laquo; Es dauerte also bis zur ersten rot-gr\u00fcnen Bundesregierung und es bedurfte eines Gr\u00fcnen im Amt des Au\u00dfenminister, um mit den letzten Unrecht des Dritten Reich aufzur\u00e4umen.<\/p>\n<h2>Altnazi Kiesinger<\/h2>\n<blockquote><p>&raquo;Wie komme ich dazu, mir von diesem alten Nazi Vorschriften machen zu lassen.&laquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>soll der damalige Au\u00dfenminister Brandt \u00fcber Bundeskanzler Kiesinger gesagt haben, der ihn <em>1968 per Fax<\/em> (!) anwies sein Redemanuskript so zu ver\u00e4ndern, das dessen Vorhaben, Deutschland bei der friedlichen Nutzung von Atomkraft eine Sonderstellung zu verschaffen, unterminierte.<\/p>\n<h2>Die f\u00fcnf W?<\/h2>\n<blockquote><p>&raquo;Im August 1945 hatte ich gerade die amerikanischen Grundregeln f\u00fcr eine Nachrichtenmeldung gelernt: Wann, wer, wie, wo und was m\u00fcssten im ersten Satz beantwortet werden.&laquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das waren noch Zeiten. Ich habe das in der Schule gelernt, allerdings nicht bei der Sch\u00fclerzeitung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&raquo;Wenn man \u00fcberzeugt ist, das Richtige und Notwendige zu tun, ist es besser mit wehenden Fahnen unterzugehen, als einzuknicken.&laquo; hat Willy Brandt h\u00f6chstselbst einmal gesagt, lang bevor er hin schmiss. Egon Bahr hat mit seinem &raquo;Das musst du erz\u00e4hlen!&laquo; auch eine sehr pers\u00f6nliche Biographie \u00fcber Willy Brandt abgeliefert, allerdings nicht zuletzt auch seine eigene Autobiographie. 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