{"id":6262,"date":"2013-01-06T15:33:17","date_gmt":"2013-01-06T13:33:17","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=6262"},"modified":"2013-01-06T15:33:17","modified_gmt":"2013-01-06T13:33:17","slug":"die-letzte-leichenschau-oder-1800-000-000","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2013\/01\/06\/die-letzte-leichenschau-oder-1800-000-000\/","title":{"rendered":"Die letzte Leichenschau, oder: 1:800.000.000"},"content":{"rendered":"<p>Meine Frau machte mich darauf aufmerksam, ihr wurde der vermeintlich denglische Begriff &quot;Public Viewing&quot; von einem Muttersprachler als das \u00fcbersetzt in das was es im Englischen bedeutet, Leichenschau n\u00e4mlich. Ruft man <a href=\"http:\/\/dict.leo.org\/\">mein bevorzugtes W\u00f6rterbuch<\/a> auf und befragt das danach, wird einem das zudem noch als einzige Deutungsm\u00f6glichkeit geliefert. <a href=\"http:\/\/www.echo-online.de\/suedhessen\/darmstadt\/Weniger-Zuschauer-beim-Public-Viewing;art1231,1000595\" rel=\"nofollow\">In Darmstadt<\/a> wie vermutlich \u00fcberall im Land war der Andrang ausgerechnet bei den letzten beiden Spielen so pl\u00f6tzlich zur\u00fcck gegangen wie der Erfolg der deutschen Mannschaft beim ersten Spielim Turnier. Das &quot;Jogi&quot; und &quot;unsere Jungs&quot; es \u00fcber die Vorrunde brachten, durfte \u00f6ffentlich geunkt werden, ohne das eine Steinigung zelebriert wurde. Das weltweit von fast 800 Millionen Zuschauern verfolgte Finale der letzten Weltmeisterschaft d\u00fcrfte auch hierzulande, wo &quot;Die Welt zu Gast bei Freunden.\u2122&quot; war, bis auf die Zielgrade Zuschauer angezogen haben.<\/p>\n<p>Dieses Mal sollte das anders sein. Der motorisierte Fan, so mein subjektiver Eindruck, demontierte zu einem gewissen Teil Schwarz-Rot-Gold noch vor dem Spiel um Platz 3. Analog dazu lies das Gedr\u00e4ngel rund um die beiden gro\u00dffl\u00e4chigen Leinw\u00e4nde auf dem Marktplatz zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Das Darmst\u00e4dter Echo berichtet im Anschluss an den Sieg der deutschen Mannschaft seien &quot;im Stadtgebiet Darmstadt rund 300 Personen durch den City-Tunnel&quot; gezogen, wo bei der vorangegangenen WM kaum noch ein Blatt Pergamentpapier zwischen die Feiernden passte.<\/p>\n<p>Als ich mich gestern zum zweiten Mal bei dieser Fussballweltmeisterschaft dem Gemeinschaft-stiftenden &quot;Public Viewing&quot; anschloss, best\u00e4tigte sich die Beobachtung der Polizei vom Vortag, deren Bericht als Grundlage f\u00fcr den Artikel des Darmst\u00e4dter Echo diente: Deutlich weniger Fans als noch in den vergangenen Tagen am Ort des Geschehens, und das noch am Vorabend zum Einsatz gekommene Trikot der deutschen Mannschaft war kein einziges Mal zu sehen. V\u00f6lker verbindend ist anders, gemeinsam feierte man trotzdem.<\/p>\n<p>Atmosph\u00e4re und Ausschank (kein Hefeweizen!) war dann allerdings auch nicht so \u00fcberragend, als das ich unbedingt hier verweilen wollte. Da ich in der ersten Viertelstunde des Spiels noch von den beiden anderen Ausstrahlungsorten entt\u00e4uscht versp\u00e4tete am Marktplatz ankam, blieb nur noch der Schlosskeller, wie sich herausstellen sollte eine gute Wahl: Das Publikum hier war \u00fcbersichtlich, denn mit Ausnahme vier junger Frauen, die sich noch zudem als Mitarbeiter herausstellen sollten, ein k\u00fchler Keller, ein Hefeweizen plus Chips und ich, stand der ungest\u00f6rten zweiten H\u00e4lfte &#8211; und der Verl\u00e4ngerung &#8211; nichts mehr im Wege.<\/p>\n<p>Das vorangegangene Gemetzel der ersten Halbzeit sollte sich nicht wiederholen, die zum Teil roter Karten w\u00fcrdigen Fouls ver\u00fcbten Niederl\u00e4nder und Spanier nunmehr nicht mehr im Takt, sondern deutlich unregelm\u00e4\u00dfiger. Die Spanier dominierten das Spiel wie den Marktplatz, hier im Schlosskeller galt die Sympathie der inzwischen hinter meinem R\u00fccken versammelten Angestellten hingegen den Niederl\u00e4ndern. Mir konnte das egal sein, weil ich das Turnier offenbar anders betrachtete als die vielen Daheimgebliebenen, die 800.000.000 Menschen die das letzte Spiel wohl vor ihren eigenen Fernsehern als bei der letzten Leichenschau betrachten und dabei Wunden lecken wollten.<\/p>\n<p>Ganz still und heimlich verabschiedet sich damit nicht nur das allgegenw\u00e4rtige Schwarz-Rot-Gold aus dem Stadtbild, vielmehr auch ein ganz besonderer Aufreger, die \u201cVuvuzela\u201d wird eingemottet. In vier Jahren dann, wenn in Brasilien der Anpfiff ert\u00f6nt, sind die F\u00e4hnchen wieder hinter den Fensterscheiben eingeklemmt, mancher g\u00f6nnt seinen Seitenspiegeln einen schwarz-rot-goldenen \u00dcberzieher oder verziert seine Motorhaube mit einer Deutschlandflagge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Frau machte mich darauf aufmerksam, ihr wurde der vermeintlich denglische Begriff &quot;Public Viewing&quot; von einem Muttersprachler als das \u00fcbersetzt in das was es im Englischen bedeutet, Leichenschau n\u00e4mlich. Ruft man mein bevorzugtes W\u00f6rterbuch auf und befragt das danach, wird einem das zudem noch als einzige Deutungsm\u00f6glichkeit geliefert. 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