{"id":5955,"date":"2012-08-01T23:56:53","date_gmt":"2012-08-01T21:56:53","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=5955"},"modified":"2012-08-01T23:56:53","modified_gmt":"2012-08-01T21:56:53","slug":"earl-grey-unter-der-facepalm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2012\/08\/01\/earl-grey-unter-der-facepalm\/","title":{"rendered":"Earl Grey unter der &#8220;facepalm&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Jean-Luc ging mit einer ganzen Generation auf Reisen in unendliche Weiten. <\/p>\n<p>\u00dcber den Kitsch der in den sp\u00e4ten 1960er, fr\u00fchen 1970er Jahre unter dem Eindruck der noch vor Kraft strotzenden Raumfahrt entstandenen ersten Serie hinaus gewachsen, beschleunigten Untertassensektion und Rumpf der neuen \u201cEnterprise 1701-D\u201d jeden Werktag auf 25 Bilder pro Sekunde, um sodann in einem Punkt auf den Mattscheiben und einem grandiosen Paukenschlag aus den integrierten Stereolautsprechern zu verschwinden. <\/p>\n<p>Blu ray war damals nur Thema der Serie, nicht ihr Tr\u00e4ger, Plasmabildschirme und Heimkino waren entweder noch nicht erfunden, oder noch nicht beim Otto Normalverbraucher angelangt.<\/p>\n<p>Seinen Earl Grey genoss Jean-Luc trotzdem, so wie der Zuschauer \u201cseine\u201d Serie: hier wurde mit Wasser gekocht, man sah was mit Liebe gemachtes. <\/p>\n<p>In der selben Zeit entstanden auch viele Computerspiele, deren Qualit\u00e4t vor allem am Einfallsreichtum ihrer Sch\u00f6pfer abhinge, die in teils kleinsten Teams Phantasiewelten entstehen lie\u00dfen, die sich in den K\u00f6pfen der Kinder und Jugendlichen zu etwas weit komplexerem entfalteten als die teils einf\u00e4ltigen Ger\u00fcste heutiger Millionenproduktionen:&#160; Computerspiele haben Kinofilme l\u00e4ngst \u00fcberholt \u2013 ausn\u00e4mlich der recht eingeschr\u00e4nkte Choreographie der Besucher, die zum Teil nicht \u00fcber den Aktionsradius des typischen Besucher eines Vergn\u00fcgungsparks hinaus gehen: Rumlaufen und -fahren, abwarten oder \u2013schie\u00dfen. Eingerichtet sind die interaktiven, vernetzter Welten heute wesentlich ansehnlicher, an musikalischer Untermalung und begleitendem Videomaterial fehlt es ebenso wenig wie am Merchandise. Seelenloser sind die Spiele allerdings oftmals auch, weil der Phantasie ein Riegel Regieanweisungen, Drehb\u00fccher und der erfolgreiche Vorg\u00e4nger oder Mitbewerber mitsamt Spielidee- und Konzept vorgeschoben wird. Und so endet der kreative Prozess dort, wo er fr\u00fcher begann: im Kopf bei der Idee. Der Rest ist industrieller Fertigungsprozess.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auf diese Weise auch sch\u00f6ne Dinge entstehen. Nicht immer wenn das Skizzenbuch niedergelegt wird und man ans&#160; Zeichenbrett tritt wird Kreativit\u00e4t der Prozess gemacht.<\/p>\n<p>Doch sind die Kommentare, einst sch\u00e4rfste Waffe im Repertoire der schreibenden Zunft, zum Rohrkrepierer geworden. Bei der FAZ liest man was gegen Ypsilanti und in der taz mutma\u00dfte man \u00fcber die wahren Bewegr\u00fcnde der \u201cPhantastischen 4\u201d: So viel Autopilot war selten. So wenig Korrektiv nie. Das Problem daran, das man wei\u00df was geschrieben wird: Man braucht es nicht mehr lesen. Und weil es Nachrichten kostenlos im Internet gibt, braucht selbst f\u00fcr die Berichte niemand mehr zu zahlen: Das war beim medialen Goldrausch in den 1990er Jahren so. Und es ist noch heute so. Nur das die Zeitungen mehr Leser einb\u00fc\u00dfen als je zuvor, so viel das l\u00e4ngst Werbebudgets zusammengestrichen werden, weil die kritische Masse&#160; davon l\u00e4uft. Und dann macht der Letzte das Licht aus.<\/p>\n<p>In die L\u00fccke sto\u00dfen die jungen Wilden: Blogger. Dank hochbezahlter \u201cSocial Media Berater\u201d wissen das sogar die Verleger, und richteten sodann ihre Blogs ein. Derer gibt es gute Beispiele. Und dann gab es beispielsweise Focus Online.<\/p>\n<p>So sieht es leider auch bei den <a href=\"http:\/\/faz-community.faz.net\/\" rel=\"nofollow\">so genannten FAZ-\u201cBlogs\u201d<\/a> aus.<\/p>\n<p>Julia <a href=\"http:\/\/twitter.com\/zeitrafferin\">@Zeitrafferin<\/a> Seeliger, auf deren Blog ich vor Ewigkeiten das&#160; diesem Blog seither zugrunde liegende Template entdeckt hatte, schrieb bis vor Kurzem f\u00fcr eben das Format. Da man bei den Holzmedien vom Bloggen aber so viel versteht wie ein Fisch vom Fliegen, wandte man wohl das \u00fcber hunderte Jahre alte Handwerk auf das in erster Linie als Hobby betriebene Bloggen an, forderte eine h\u00f6here Schlagzahl, wohl auch Redaktionsethik-konformere Kommunikation auf ihrem Twitter-Kanal und&#160; schaltete zuletzt ab. <\/p>\n<p>Allein die Abschaltung des Blog: im Widerspruch mit dem Format. Allein die Anma\u00dfung&#160; inhaltlicher Mitbestimmung auf einem ganz anderen Kanal einer unabh\u00e4ngigen Journalistin gegen\u00fcber spricht schon B\u00e4nde vom Verst\u00e4ndnis von freier Berichterstattung.<\/p>\n<p>Koexistenz von Blog- und Presselandschaft, in einem Leistungsschutzrecht-freien \u00d6kosystem das auf Berichterstattung spezialisierten Journalismus finanzieren und Kommentaren von Bloggern zur\u00fcckgreifen kann, das ist meiner Meinung nach die einzige Perspektive sowohl f\u00fcr freie Schreiber als auch Verlage.<\/p>\n<p>Solang Holzmedien in \u201cBlogs\u201d aber weiterhin nur Raubkopien ihrer Werke anstatt m\u00f6glicher Partner erkennen, solang man sich einerseits am Umsatz von Google beteiligt sehen m\u00f6chte aber zugleich andererseits zur \u201cKostenloskultur\u201d beitr\u00e4gt, indem man alle eigenen Inhalte frei zug\u00e4nglich macht, solang man f\u00fcr Blogger nur einen Spielplatz f\u00fcr zurechtredigierte Pamphlete bereith\u00e4lt oder mehr oder weniger Prominenten wie beispielsweise Silvana \u201cEurofighter\u201d Koch-Mehrin beim Focus eine Plattform bieten will, solang bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Inhalte und Inhaber abgeschaltet werden weil Frequenz oder Tendenz nicht stimmten, solang hat es der klassische Journalismus nicht verdient als Nutznie\u00dfer einer kooperativen Medienlandschaft von den Segnungen unabh\u00e4ngiger Blogger zu profitieren.<\/p>\n<p>Geht sterben, liebe Verleger, so sch\u00f6pft ihr nur Altpapier, aus Facepalm\u2019en!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Luc ging mit einer ganzen Generation auf Reisen in unendliche Weiten. \u00dcber den Kitsch der in den sp\u00e4ten 1960er, fr\u00fchen 1970er Jahre unter dem Eindruck der noch vor Kraft strotzenden Raumfahrt entstandenen ersten Serie hinaus gewachsen, beschleunigten Untertassensektion und Rumpf der neuen \u201cEnterprise 1701-D\u201d jeden Werktag auf 25 Bilder pro Sekunde, um sodann in einem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[205],"tags":[3],"class_list":["post-5955","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kommentare","tag-qualitatsjournalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5955"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5955\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}