{"id":5954,"date":"2012-07-25T20:56:54","date_gmt":"2012-07-25T18:56:54","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=5954"},"modified":"2016-11-11T21:32:24","modified_gmt":"2016-11-11T20:32:24","slug":"kirchenaustritt-im-amtsgericht-darmstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2012\/07\/25\/kirchenaustritt-im-amtsgericht-darmstadt\/","title":{"rendered":"Kirchenaustritt im Amtsgericht Darmstadt"},"content":{"rendered":"<p>Im Amtsgericht Darmstadt habe ich heute meinen Austritt aus der evangelischen Kirche erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Im historischen Geb\u00e4ude B, an dem ich bislang unz\u00e4hlige Mal vorbeifuhr, in das ich aber bis dato keinen Blick geworfen hatte, verabreichte mir die Justiz ein schlechten Gewissen, gegen das ich aber immun bin: &raquo;Wovon solle denn der Pfaffe leben?&laquo; fragte mich die Dame, als ich kurz angebunden was von &#8222;Kirchenaustritt&#8220; nuschelte. Kurz angebunden, weil ich \u00fcberraschend von einer vor mir eintreffenden Dame vorgelassen wurde, die noch auf ihre Begleitung warten wollte.<\/p>\n<p>Die Frau, die mir Vortritt gew\u00e4hrte, geh\u00f6rte einer anderen Glaubensgemeinschaft an, als der die ich gerade verlassen wollte. Sie trug kein Kreuz um den Hals. Ihr Mann trug keine Kippa. Thilo Sarrazin, der in Darmstadt seinen xenophoben Werbefeldzug f\u00fcr die Millionenauflage seiner Pamphlete mit einem eugenischen Eklat begann, h\u00e4tte in ihr ein &#8222;Kopftuchm\u00e4dchen&#8220; verkannt. Ich hingegen sehe und respektiere hier etwas, von dem ich gerade Abstand nehmen wollte: kirchlich manifestiertem Glauben, den es zu tolerieren anstatt zu diskriminieren gilt. Und nun mal Tacheles: Ich musste mit anh\u00f6ren und lesen, wie dr\u00f6hnend ruhig die hiesige christliche Kirche &#8211; die sich nach Ansicht der letzten Bundespr\u00e4sidenten mal mehr, mal weniger auf Augenh\u00f6he mit anderen Glaubensgemeinschaften in Deutschland befindet, sich damit auseinandersetzt, das Mitmenschen mit und ohne Migrationshintergrund allein ihres Glaubens wegen von einem dahergelaufenen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thilo_Sarrazin\" rel=\"nofollow\">&#8222;Verwaltungsspezialist&#8220;<\/a> \u00fcber Monate an den Pranger gestellt wird. W\u00e4hrend der feine &#8222;Sozialdemokrat&#8220; durch die Talkshowlandschaft unserer stolz &#8222;diskreminierungsfreien&#8220; Republik tingelte, traf er nur in Einzelf\u00e4llen auf den meiner Erinnerung nach immer selben Pfaffen, der sich den kruden Thesen offenbar als Einziger in seiner Funktion als W\u00fcrdentr\u00e4ger der christlichen Kirche auch vor Millionenpublikum die Stirn zu bieten traute. <strong>Das war ein Armutszeugnis f\u00fcr eine Religionsgemeinschaft, die in der Debatte im Kontrast zum Islam durch <attr>Aufkl\u00e4rung<\/attr> moralisch im Vorteil verortet wurde.<\/strong> &#8222;Wir sind Papst!&#8220; las man auf BILT, und wenig sp\u00e4ter an der selben Stelle von &#8222;Kopftuchm\u00e4dchen&#8220;. Wie muss ein religi\u00f6s veranlagter Migrant sich angesichts dessen f\u00fchlen? Und in einer Gesellschaft ohne Staatsreligion, in der ab 7 Uhr fr\u00fch im Viertelstundentakt die Uhrzeit vom zentral gelegenen Kirchturm gel\u00e4utet wird, man aber selbst um 5 Uhr erstmal bis zum Stadtrand fahren muss, weil die Moschee  kurz vor dem Ortsausgangsschild steht? In einem Land, wo das Kreuz im Klassenzimmer h\u00e4ngen darf, die Lehrerin aber vor der Schule das Kopftuch ausziehen muss.<\/p>\n<p>Meine klerikale Nachbarschaft ist von Zeit zu Zeit mit &#8222;Jesus rocks!&#8220; beflaggt. Weil ich nicht bis in den dritten Stock hinauf reiche, begn\u00fcge ich mich damit deren identisch gestaltete Aufkleber von jedem zweite Stra\u00dfenschild in der N\u00e4he ohne R\u00fcckst\u00e4nde zu entfernen, sowie ich ihnen begegne. Die M\u00f6blierung des \u00f6ffentlichen Raums mit Schildern und Schaltk\u00e4sten ist mir ohnehin ein Dorn im Auge. Wenn dort anstatt langweiligem Grau Streetart aufgebracht wird, habe ich da ausdr\u00fccklich nichts dagegen, bin sogar ob meiner fehlenden k\u00fcnstlerischen Begabung froh das es genug Mitmenschen gibt die sich im Kontrast dazu freier K\u00fcnste hingeben &#8211; k\u00f6nnen. Doch kommerziell produzierte Werbemittel zur Missionierung haben fernab der hierzulande zum Gl\u00fcck engen Grenzen der Grundst\u00fccke der Kirchen nichts verloren. Vielmehr sind solche harmlos scheinenden, &#8222;liebevoll&#8220; gestalteten Aufkleber insbesondere in Einheit mit der oben beschriebenen Ph\u00e4nomenologie &#8211; das es n\u00e4mlich angeblich keine Staatsreligion gibt, andere aber offener Diskriminierung bis hin zu \u00dcbergriffen ausgesetzt sind, nah dran an Propagandamaterial aus dem Parteienspektrum das sich dem Widerstand gegen den Neubau von Gottesh\u00e4usern anderer Glaubensrichtungen widmet. Nochmal: Wer so offensiv (&#8222;Jesus rocks!&#8220;, &#8222;Jesus died for you!&#8220;, Kreuze in den Klassenzimmern, Kopftuchverbote &#8230;) f\u00fcr seine Glaubensgemeinschaft wirbt und zugleich hinnimmt das andere durch den Dreck gezogen werden, der hat seine Neutralit\u00e4t verwirkt und die viel zitierte &#8222;N\u00e4chstenliebe&#8220; eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Den multiplem Nachwuchs der christlichen Nachbarn, und damit w\u00e4re ich wieder bei einer der kruden Thesen des Genossen Thilo Sarrazin, der ja behauptet das sich vor allem die von ihm vorzugsweise diskriminierte Bev\u00f6lkerungsgruppe besonders stark reproduziere, korrigiert allein den demographischen Faktor im Block. Wenn ich mir ansehe, wie viel frisch getaufter Nachwuchs in der Nachbarschaft herum trollt, wage ich zu relativieren das Religionsgemeinschaften generell Familien sehr freundlich gegen\u00fcber eingestellt sind und der Hobbygenetiker&trade; mal sein Zahlenwerk auch gegen andere Religionsgemeinschaften abklopfen sollte. Wenn denn dann religi\u00f6se Menschen zur Familiengr\u00fcndung neigen w\u00fcrden w\u00fcrde sich wiederum erkl\u00e4ren, warum der Papst gleichzeitig so ein \u00fcberzeugter Verh\u00fctungsmittel- und Abtreibungsgegner und leidenschaftlich homophob sein kann wie manche islamisch dominierte L\u00e4nder: Mit jedem ungesch\u00fctzten Akt w\u00e4chst die Gemeinde oder der &#8222;Klassenfeind&#8220; dezimiert sich.<\/p>\n<p>Eine fiese Unterstellung, aber in Zeiten in denen der Papst das Schicksal unz\u00e4hliger missbrauchter Ministranten mit dem seiner schwarzen Sch\u00e4fchen aufwiegt, um letztere dann nach bewiesener aber verj\u00e4hrter Tat nur strafzuversetzten, sind die Ma\u00dfst\u00e4be, mit denen ich an die Kirche herantrete eben h\u00e4rter. Es darf unterstellt werden das es nicht das Leben ist, an dem der Vatikan liegt, sondern vielmehr das \u00dcberleben einer m\u00f6glichst gro\u00dfen Gl\u00e4ubigenschaar, auf das die Einnahmen sprudeln. Ich entziehe mich diesem System, dem ich als Protestant nur indirekt angeh\u00f6rte. Und ich mach es guten Gewissens.<\/p>\n<p>Bis dahin musste ich benennen wo ich getauft wurde, wo ich wohnhaft sei, das und wann wir geheiratet haben. Das den Kirchenaustritt bescheinigende und begleitende Schriftst\u00fcck gab es in f\u00fcnffacher Ausfertigung zu unterschreiben, ein Merkblatt dazu und die Rechnung i.H.v. 25 Euro wird nachgeliefert. An der Glast\u00fcr zeigt die Uhr 5 vor 12, als ich meinen beurkundeten Kirchenaustritt in H\u00e4nden hielt. H\u00f6chste Zeit das Kirchensteuereinzugprivileg, das nur die christlichen Kirchen f\u00fcr sich beanspruchen k\u00f6nnen, die Strafzahlungen f\u00fcr atheistische Lebenspartner, die Kreuze in Klassenzimmern, Kirchengel\u00e4ut, Beschneidungsdebatte, unfreiwillige Taufe, Vatileaks, \u00a7218, kein Aufstand bzgl. Stigmatisierung Islam\/-ismus, Karin Wolff, von Gott berufener George W. Bushs Kreuzzug aka &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; endlich hinter mir liegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Amtsgericht Darmstadt habe ich heute meinen Austritt aus der evangelischen Kirche erkl\u00e4rt. 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