{"id":5263,"date":"2012-03-07T12:22:24","date_gmt":"2012-03-07T11:22:24","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=5263"},"modified":"2012-03-07T12:22:24","modified_gmt":"2012-03-07T11:22:24","slug":"island-vs-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2012\/03\/07\/island-vs-griechenland\/","title":{"rendered":"Island vs. Griechenland"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/springfeld\/6940564637\/\" title=\"Eine isl\u00e4ndische Frage by springfeld, on Flickr\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7052\/6940564637_8548eec78a_o.png\" width=\"450\" alt=\"Eine isl\u00e4ndische Frage\"><\/a><\/p>\n<p>In der Pressekonferenz mit der Ministerpr\u00e4sidentin Islands, Frau J\u00f3hanna Sigur\u00f0ard\u00f3ttir, geht es eigentlich um &#8222;Eine isl\u00e4ndische Frage&#8220;, und trotzdem kommt die Kanzlerin nur auf ein Thema zu sprechen: &raqou;Ich glaube die war f\u00fcr mich.&laquo; Gefragt wurde: &raquo;Ist Italien das n\u00e4chste Land das unter den Rettungsschirm muss?&laquo; Und so ist die Pressekonferenz thematisch schnellstm\u00f6glich vom Arktis-Rat zur Euro-Gruppe gewandert. Dabei ist das was die Kameras da erfassen aus vielerlei Hinsicht eine viel interessantere Kulisse als der darbende Euro und seine vermeintliche Retterin Angela Merkel: Mit Ausnahme Deutschlands und Islands regiert nur noch in der Slowakei eine Frau, in manchen L\u00e4ndern d\u00fcrfen Frauen das bei uns vakante repr\u00e4sentative Amt des Staatsoberhaupts einnehmen. Das war ein seltener Anblick: zwei Regierungschefinnen auf einem Bild. In Belgien regieren Yves und Albert II., Bulgarien Georgi und Bojko, D\u00e4nemark <strong>Margrete II.<\/strong> und Lars, Deutschland <strong>Angela<\/strong> und Christian, Estland Toomas und Andrus, Finnland <strong>Tarja<\/strong> und Jyrki, Frankreich Nicola und Fran\u00e7oism, Griechenland Karolos und Giorgos, <strong>Mary<\/strong> und Enda, Italien wird verwaltet von Giorgio und Silvio, Lettland Andris und Valdis, Litauen <strong>Dalia<\/strong> und Andrius, Luxemburg Henri und Jean-Claude, Malta George und Lawrence, Niederlande <strong>Beatrix<\/strong> und Mark, \u00d6sterreich Heinz und Werner, Polen Bronislaw und Donald, Portugal An\u00edbal und Pedro, Rum\u00e4nien Traian und Emil, Schweden Gustaf und Fredrik, Slowakei und <strong>Iveta<\/strong>, Slowenien Danilo und Borut, Spanien Juan und Jos\u00e9 Luis Rodr\u00edguez, Tschechien V\u00e1clav und Petr, Ungarn P\u00e1l und Viktor, im Vereinigten K\u00f6nigreich die wohl bekannteste <strong>Elisabeth II.<\/strong> und auf Zypern finden sich in Dimitris Staatsoberhaupt und Regierungschef in einer Person.<\/p>\n<p>Noch viel interessanter als vorgef\u00fchrte Gleichstellung in Form der beiden vor den Pressesprechern w\u00e4re auch die Frage gewesen, inwiefern Deutschland und Euro-Land von Island lernen k\u00f6nne. Denn da g\u00e4be es durchaus viel. Mal von ein paar waghalsigen, raffgierigen Privatinvestoren, die sich von BILT in Sachen Anlagen beraten lie\u00dfen gibt es hierzulande n\u00e4mlich viel mehr Verlierer als in Island, einem der am schlimmsten von der Finanzwirtschaftskrise getroffenen Land. Hierzulande sind deren Auswirkungen noch l\u00e4ngst nicht ausgestanden, aber Island befindet sich l\u00e4ngst auf dem Wege der finanziellen und wirtschaftlichen Gesundung. Auch weil eine Konsequenz aus dem Handeln Einzelner die Bestrafung derer und nicht etwa die Vergesellschaftung deren Verluste war.  Die Konsequenzen aus der Finanzmarktkrise hier bei uns? Keine, jedenfalls nicht f\u00fcr die Verursacher und ihre Handlanger.<\/p>\n<p>Nachdem das schwerste Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten ver\u00fcbt wurde, herrschte in (Finanz-)Wirtschaft, Politik und ver\u00f6ffentlichter Meinung schnell Einigkeit \u00fcber die Verursacher: Alle Beteiligten trugen Mitschuld, alle Mechanismen zum Selbsterhalt unterlagen ihrer Gier. Versagt aber haben nicht allein Menchanismen. Vielmehr gab es auch einige pauschal zum S\u00fcndenbock abqualifizierte Personengruppen, Firmen und Organisationen, denen man den Schwarzen Peter zuzuschieben gedachte, damit &#8222;der P\u00f6bel&#8220; Ruhe gab und nicht etwa an eine Revolution dachte.<\/p>\n<p>Zu diesen &#8222;Mitt\u00e4tern&#8220; z\u00e4hlt man gemeinhin<\/p>\n<ul>\n<li>die Legislative bzw. &#8222;die Politiker&#8220;, in Deutschland vertreten durch die von Gerhard Schr\u00f6der gef\u00fchrte Rot-Gr\u00fcne Koalition und deren Einf\u00fchrung des Derivatehandels zu Anfang diesen Jahrtausends,<\/li>\n<li>die vermeintlichen Finanzprofis alias &#8222;Banken, Banker und H\u00e4ndler&#8220; und deren Taschenspielertricks, denen Krisenkanzlerin Angela Merkel sogar mit Konsequenzen drohte &#8211; die jedoch nie umgesetzt wurden,<\/li>\n<li>die vermeintlich unabh\u00e4ngigen, vermeintlich fachkundigen  Rating-Agenturen mit ihren Phantasiebewertungen zu Phantasieprodukten,<\/li>\n<li>die willf\u00e4hrigen Qualit\u00e4tsjournalisten der Finanz- und Wirtschaftsressorts der gro\u00dfen Tageszeitungen und Wochenmagazine wie auch der Mainstream-Medien &#8211; letztere empfahlen selbst im ersten Krisenjahr 2008 flei\u00dfig isl\u00e4ndische Anleihen,<\/li>\n<li>die gierigen Anleger und ihre von Josef Ackermann angefeuerten Gewinnerwartungen &#8211; 25 Prozent Erl\u00f6s, hierauf 25 Prozent Steuer, machte auf jeden Euro etwa zwanzig Cent Reingewinn per anno.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mir ist kein Politiker bekannt, der im Nachhinein zugibt, das die von ihm verabschiedeten Gesetze Mitschuld an der Misere tr\u00fcgen. Nur wenige Spekulanten haben aus ihren Taten Konsequenzen gezogen, manche t\u00f6dliche. Die meisten Anleger sind ihre virtuellen Gewinne wieder los, und versuchen auf juristischem Wege an Rettungsmittel der Steuerzahler zu kommen oder geben sich mit den Lehren aus der Krise zufrieden. Die vielen Privatanlegern darunter sind wohl die gr\u00f6\u00dften Verlierer der Krise, denn sie zahlen nicht nur mit ihrem Ersparten, sondern auch als Steuerzahler.<\/p>\n<p>Und was machen Mainstream-Medien und Rating-Agenturen, welche Konsequenzen ziehen Sie aus der Katastrophe? Keine.<\/p>\n<p>Krassestes Beispiel dessen war <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2010-01\/island-sparer-fitch\" rel=\"nofollow\">vor einiger Zeit<\/a> Zeit Online. Der Onlineableger des Nachrichtenmagazins suggeriert ob der Entscheidung des isl\u00e4ndischen Pr\u00e4sidenten, internationale Investoren zu entsch\u00e4digen, hier Best\u00fcnde Grund zur Hoffnung, denn: Anstatt eines einfachen Berichts, wie man ihn von einem von der Verfassung gesch\u00fctzten Presseorgan erwarten w\u00fcrde, ergreift das Bl\u00e4ttchen mit dem ber\u00fchmten sozialdemokratischen Verleger Initiative f\u00fcr die britischen Sparer, und zwar schlicht indem anstatt eines ehrlichen Berichtes nur ein Satz mit dem eigentlich Nachrichtenwert abgesondert wird: &raquo;Islands Pr\u00e4sident hat ein Gesetz f\u00fcr die Entsch\u00e4digung ausl\u00e4ndischer Sparer verhindert.&laquo; Im Anschluss folgt \u00fcber den Rest des Teaser und zwei weitere Abs\u00e4tze hinweg erst Spekulation \u00fcber die m\u00f6glichen Auswirkungen der Entscheidung f\u00fcr die Regierung und den Pr\u00e4sidenten, darauf folgt sogleich eine Stellungnahme der grunds\u00e4tzlich ebenso wie Mainstream-Medien schuldfreien Rating-Agenturen. Da ist die Rede von &#8222;schweren Konflikten&#8220; mit den Nachbarn und der Finanzwelt, auf die Island zusteuere, gemeint ist Gro\u00df-Britannien. Der Bruch der Regierung scheint f\u00fcr das Blatt ebenso ausgemacht wie versiegende Kredite f\u00fcr das Land, denn die zun\u00e4chst, noch vor der Nachricht ausf\u00fchrlich zu Wort kommende Rating-Agentur stufte Bewertung und damit die Kreditw\u00fcrdigkeit Islands umgehend ab. Vermutlich werden andere Rating-Agenturen folgen, und ganz sicher ist die Emp\u00f6rung auf den morgigen &#8222;Tabloids&#8220; im Vereinigten K\u00f6nigreich nur der Beginn einer ganzen Kampagne gegen den Inselstaat, dessen EU-Beitritt von der britischen Regierung zugleich in Frage gestellt und mit einem Veto diesbez\u00fcglich gedroht wird. Andere Tageszeitungen hatten da einen qualitativeren Journalismus zu bieten, Neues Deutschland beispielsweise meinte <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/162538.islands-waehler-sollen-entscheiden.html\">Islands W\u00e4hler sollten entscheiden.<\/a> Wie in Griechenland. In Griechenland gab es direkt auf die selbe Ank\u00fcndigung einen Putsch, &#8222;regime change&#8220; oder wie auch immer man die neue, h\u00f6chst demokratisch legitimierte Regierung als Handlager auch nennen mag. F\u00fcr solche Forderungen erntet Neues Deutschland nat\u00fcrlich auch einen gewissen Ruf.<\/p>\n<p>Das nennt sich \u00fcbrigens Interessenpolitik und man kann so weit gehen von gleichgeschalteten Journalismus zu sprechen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Finanzmarktkrise fanden sich nur wenige Schuldige, die verschiedenen Interessengruppen dazu k\u00fcrten, und dazu geh\u00f6rten beispielsweise sogenannte Rating-Agenturen. Die selben Agenturen die Griechenland zunehmend verheerend wirkende Urteile ausstellen, weil Griechenland spurt. Und die selben, die Island nun Zeugnis ausstellen, das Land befinde sich auf dem Weg der Erholung. In der Folge konnte sich Island beispielsweise k\u00fcrzlich wieder zinsg\u00fcnstiger Finanzierung erfreuen. Und den selben Fehler wie vor Jahren wird man dort nicht mehr eingehen. Griechenland hingegen muss sich jeden Tag erneut davon \u00fcberzeugen, das Angela Merkel ihm nicht das R\u00fcckgrat bricht. Das hat Griechenland schon einen Regierungschef gekostet, weswegen \u00fcber Nacht ein Neuer installiert wurde. Anderswo von Anderen ausge\u00fcbt w\u00fcrde man dazu <strong>Regime Change<\/strong> sagen. Merkel hingegen traut man das nicht zu. Sie ist so eine liebe Person.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Pressekonferenz mit der Ministerpr\u00e4sidentin Islands, Frau J\u00f3hanna Sigur\u00f0ard\u00f3ttir, geht es eigentlich um &#8222;Eine isl\u00e4ndische Frage&#8220;, und trotzdem kommt die Kanzlerin nur auf ein Thema zu sprechen: &raqou;Ich glaube die war f\u00fcr mich.&laquo; Gefragt wurde: &raquo;Ist Italien das n\u00e4chste Land das unter den Rettungsschirm muss?&laquo; Und so ist die Pressekonferenz thematisch schnellstm\u00f6glich vom Arktis-Rat [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[205],"tags":[142,1659,136,3,1242],"class_list":["post-5263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kommentare","tag-finanzmarktkrise","tag-griechenland","tag-island","tag-qualitatsjournalismus","tag-regime-change"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5263\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}