{"id":3990,"date":"2011-09-20T20:48:21","date_gmt":"2011-09-20T19:48:21","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=3990"},"modified":"2011-09-20T20:48:21","modified_gmt":"2011-09-20T19:48:21","slug":"von-eberstadt-zum-hauptbahnhof-in-90-minuten-uber-bensheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2011\/09\/20\/von-eberstadt-zum-hauptbahnhof-in-90-minuten-uber-bensheim\/","title":{"rendered":"Von Eberstadt zum Hauptbahnhof in 90 Minuten, \u00fcber Bensheim"},"content":{"rendered":"<p>Eingeklemmt im Niemandsland zwischen Eisenbahndamm und Autobahnschneise ruht das mit &#8222;Crazy Sexy und Spielothek Kings&#8217;s Play&#8220; beschriftete Etablissement gegen\u00fcber einer verlassen wirkenden Papierfabrik. Von droben vom Bahnsteig 1 erschlie\u00dft sich der Blick hinein, und verr\u00e4t trotzdem nicht was hier im \u00e4lteren Teil, einer abgedeckten, von der Natur zur\u00fcckerobert Industriebrache einmal entstand. Das erf\u00e4hrt man wiederum nur vom Schild an der Haust\u00fcr.<\/p>\n<p>Wer den Anstieg hoch zum Bahnhof Darmstadt-Eberstadt in Angriff nimmt, wird aber nicht nur mit einem zweifelhaften Aus- und Einblick belohnt. Oben angekommen empf\u00e4ngt einen der Geist der Deutschen Bundesbahn in Form ihrer sp\u00e4ten, zweckgebundenen Architektur, die dem eigentlich ganz h\u00fcbsch zugeschnittenen Rest des Bahnhofes den trostlosen Anstrich gibt, den er bis heute nicht \u00fcberwunden hat. Hoch oben \u00fcber der Fl\u00fcgelt\u00fcre trohnt der &#8222;DB Keks&#8220;, jener einen dreistelligen Millionenbetrag schwere Logoentwurf als Ersatz f\u00fcr das Jahrzehnte bew\u00e4hrte Bundesbahn-Emblem. Man hat sich bei der Befestigung nicht einmal die M\u00fche gemacht, die ausgestanzten Ecken um die runden Ecken abzuziehen. Vielleicht glaubte man bei Aufbringungen nicht, das dieser Keks hier noch gute zwanzig Jahre und vielleicht noch l\u00e4nger haften w\u00fcrde.<br \/>\nDrinnen sieht es derweil wie gehabt aus: Service wird hier immer noch gro\u00df geschrieben, handelt sich ja auch um ein Substantiv. Und wie so \u00fcberall inzwischen: anstatt menschlicher wartet hier maschinelle Bedienung auf den abgek\u00e4mften Bahnkunden.<\/p>\n<p>Gleich so verh\u00e4lt es sich mit der Gastronomie, im weiteren Sinne: Am Automaten gibt es Getr\u00e4nke &#8211; den &#8222;fruchtigen Durstl\u00f6scher&#8220; in drei Varianten aus dem Softpack, Kaugummi, N\u00fcsse und mehr als eine Hand voll Schokoladenriegel plus obligatorischer Hselnuss-Schnitten und Reisschokoladenwaffeln. Wer darauf keine Lust oder Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken hat, oder vielleicht sogar gezielt deshalb hierher kommt, kommt in den Genu\u00df von Club-Mate, dem &#8222;Koffeinhaltigen Erfrischungsgetr\u00e4nkt auf Mate-Basis&#8220;, links des Bahnhofes unter der Br\u00fccke hindurch beim Maruhn an der Stadtgrenze von Darmstadt hin nach Pfungstadt. In der Gegenrichtigung erwartet den hungrigen Reisenden eine klassische Imbissbude.<\/p>\n<p>Besagter Schalter ist von innen verhangen. Den Schriftzug &#8222;Geschlossen&#8220; tragen die Durchreiche und das kleine ausgesparte Oval mit T\u00fcrchen im Fenster nunmehr dauerhaft. Vielleicht war der verkokelte Schalter rechts des einen Fahrkartenautomaten einmal Lichtgeber, in einem Bahnhof allerdings eher unwahrscheinlich. Vermutlich verbirgt sich hinter der Verbarikadierung, vor die der RMV-Automat platziert wurde, auch der ehemalige Gep\u00e4ckschalter, und mit dem Knopf rief man das Personal herbei, das mit dem Nutzen f\u00fcr den Reisenden verglichen sehr weitl\u00e4ufig geraten ist. Was auch nichts hei\u00dfen mag, denn drei der vier wohl einmal als Fenster dienenden Fl\u00e4chen sind l\u00e4ngst ebenso verbarikadiert wie der ehemalige Gep\u00e4ckschalter.<\/p>\n<p>Insgesamt drei Bahnsteige z\u00e4hlt Darmstadt-Eberstadt, Gleis 3 nimmt haltende Regionalbahnen auf, an der bevorzugt Intercity vorbeibrettern. Waschbetonlaternen sorgen nicht gerade f\u00fcr Behaglichkeit. Auf gelben Schildern wird gewarnt, es g\u00e4be &#8222;schnelle Vorbeifahrten&#8220;. Doch selbst die dar\u00fcber angebrachten Piktorgramm bereiten den Wartenden nicht darauf vor was ihn erwartet: Nicht etwa vereinzelte Fern- und von Zeit zu Zeit Regionalz\u00fcge, sondern permanent ungebremst durch den Bahnhof rasende InterCity, G\u00fcterz\u00fcge und dergleichen. Mit weit \u00fcber einhundert Stundenkilometern rasen hunderte Tonnen an  Wartenden vorbei, die aufgrund des niedrigen Bahnsteigs &#8222;mittendrin statt nur dabei sind&#8220;. Das muss es gewesen sein, was die Bahn mit ihrer viralen Kampagne zur Sicherheit ihrer Kundschaft gemeint hat:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"&quot;Achtung am Bahnsteig&quot; - Kinderwagen\" width=\"450\" height=\"253\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ic5iWS0-GoQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Wer drin sitzt im Intercity, kriegt von Darmstadt-Eberstadt h\u00f6chstens mal den wartenden Regionalverkehr mit. Gelegenheit den vorbei fliegenden Halt \u00fcberhaupt wahrzunehmen gibt es aufgrund der unverminderten Geschwindigkeit kaum. Und auch der schwere G\u00fcterverkehr passiert Gleis 1 und 2 ungebremst. Die S-Bahn endet im Darmst\u00e4dter Hauptbahnhof, und zwischen all den G\u00fcter- und Fernverkehrsz\u00fcgen w\u00e4re auch kein Zeitfenster, indem diese Schnellbahn getaufte Zuggattung hierher kommen k\u00f6nnte. F\u00fcnfmin\u00fctlich &#8211; gesch\u00e4tzt freilich &#8211; durchbrechen vorbeieilende Z\u00fcge den Dornr\u00f6schenschlaf, in den der Bahnhof Darmstadt Eberstadt gefallen ist, seit auch noch der im Gleisfeld des Bahnhof liegend Abzweig gen Pfungstadt stillgelegt wurde.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/springfeld\/6166700513\/\" title=\"Bahnhof Darmstadt-Eberstadt romantisch by springfeld, on Flickr\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm7.static.flickr.com\/6172\/6166700513_9ac9e605fa.jpg\" width=\"450\" alt=\"Bahnhof Darmstadt-Eberstadt romantisch\"><\/a><\/p>\n<p>Doch das wird sich \u00e4ndern, denn die in S\u00fcdhessen umtriebige Privatbahn VIAS hat sich entschlossen die Strecke reaktivieren zu lassen. Seit einiger Zeit ist &#8222;Die Bahn&#8220; DB wieder zur\u00fcck auf dem Abzweig nach Pfungstadt, allerdings weitgehend Schienen-ungebunden, allenfalls mit Schienen-g\u00e4ngigem Bauger\u00e4t. Dem Anschein nach ist f\u00fcr die Wiederinbetriebnahme nicht einmal schweres Ger\u00e4t notwendig, wie man es sonst bei Streckenbauarbeiten wahrnimmt. Oder der ohnehin stillgelegte Abschnitt zwischen Eberstadt und Pfungstadt macht es nicht erforderlich.<br \/>\nDer Bahnhof in Pfungstadt, oder die Bushaltestelle Bahnhof die davon neben der Baustelle \u00fcbrig geblieben ist, glich lang einer Schotterw\u00fcste. Neue Schwellen lagern neben seit Jahren vermodernden Holzschwellen, alte Gleise sind abgetragen und die neuen Schienen bereits in der N\u00e4he zurecht gelegt. Alles macht den Anschein, es sei perfekt geplant und ginge ganz schnell, wenn denn mal begonnen w\u00fcrde. Doch lang hantierte &#8222;Die Bahn&#8220; noch im Wald entlang der B\u00f6schung und an Br\u00fcckenbauwerken. Die gespenstische Ruhe einer stillgelegten Strecke ist die Ruhe vor dem Sturm der Bauarbeiter gewichen. Im Ergebnis wird der Bahnhof so aussehen, wie alle Neubauprojekte der Bahn im st\u00e4dtischen Raum, klinisch rein, zumindest bis zur Schl\u00fcssel\u00fcbergabe, aber auch danach noch neudeutsch &#8222;clean&#8220;, Identit\u00e4tslos, aber immerhin durch Schienenverkehr an das Rhein-Main-Gebiet angebunden. Das ist zweifellos von Vorteil f\u00fcr Pfungstadts Einwohner.<\/p>\n<p>Doch mitunter auch auf anderen Relationen: Wer um 10 Uhr von Da-E nach Da-Hbf fahren will, wartet 41 Minuten, f\u00e4hrt mit der Regionalbahn 18 Minuten nach Bensheim, um nach 11 min\u00fctigem Umsteigen am selben Bahnsteig mit dem Intercity auf der gleichen Strecke am eben noch zum Erklimmen der Regionalbahn benutzten Bahnsteig vorbei lediglich 12 Minuten zum Darmst\u00e4dter Hauptbahnhof zu fahren. Sagt zumindest der Automat im Bahnhof, zu Anfang erw\u00e4hnter maschineller Berater. Wer hier p\u00fcnktlich aber mit Gep\u00e4ck zum Bahnsteig zum Bahnsteig kommt, ist bei einem pl\u00f6tzlich Gleiswechsel angeschmiert: Nicht nur einmal ist es mir passiert, das der Lokf\u00fchrer nur einen Blick riskieren m\u00fcsste, um sicherzustellen, das alle Fahrg\u00e4ste an Bord sind. Oder er tat es sogar, und fuhr trotzdem los. All das d\u00fcrfte mit dem neuen Verkehrsangebot auf der Strecke Pfungstadt &#8211; Darmstadt-Eberstadt &#8211; Darmstadt-Hauptbahnhof etwas besser werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eingeklemmt im Niemandsland zwischen Eisenbahndamm und Autobahnschneise ruht das mit &#8222;Crazy Sexy und Spielothek Kings&#8217;s Play&#8220; beschriftete Etablissement gegen\u00fcber einer verlassen wirkenden Papierfabrik. Von droben vom Bahnsteig 1 erschlie\u00dft sich der Blick hinein, und verr\u00e4t trotzdem nicht was hier im \u00e4lteren Teil, einer abgedeckten, von der Natur zur\u00fcckerobert Industriebrache einmal entstand. 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