{"id":3929,"date":"2012-11-15T21:16:46","date_gmt":"2012-11-15T19:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=3929"},"modified":"2012-11-15T21:16:46","modified_gmt":"2012-11-15T19:16:46","slug":"die-neue-reisefreiheit-das-leben-der-anderen-und-der-jedwed-entgrenzte-klassenkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2012\/11\/15\/die-neue-reisefreiheit-das-leben-der-anderen-und-der-jedwed-entgrenzte-klassenkampf\/","title":{"rendered":"Die neue Reisefreiheit, das Leben der Anderen und der jedwed entgrenzte Klassenkampf"},"content":{"rendered":"<p>Reisefreiheit war das unmittelbarste Rechtsgut, das den B\u00fcrgern der <attr title=\"Deutsche 'Demokratische' Republik\">DDR<\/attr> geschenkt wurde, als die Mauer fiel. Man konnte seine Entfaltung an den heimischen Fernsehger\u00e4ten verfolgen &#8211; live vermutlich nur im Westen. Der Herr Politiker verplapperte sich, die Schlagb\u00e4ume fielen, massenhaft Trabanten schwappten \u00fcber noch schwer gesicherte Grenzposten, all das im Beisein der <attr title=\"Nationale Volksarmee der DDR\">NVA<\/attr>, deren Schie\u00dfbefehl noch g\u00fcltig war. Mit dem Begr\u00fcssungsgeld konnte man sich zwar nicht in das &#8222;freiheitlichste&#8220; Land der Welt, die USA, bef\u00f6rdern, doch mindestens eine Tankf\u00fcllung w\u00e4re drin gewesen, um die neu gewonnene Reisefreiheit einem spontanen Realit\u00e4tscheck zu unterziehen.<\/p>\n<p>In der Folge verscherbelte Treuhand das letzte Tafelsilber der DDR f\u00fcr einen Apfel und ein Ei, und in direkter Konsequenz gingen bereits massenhaft Arbeitspl\u00e4tze verloren. Wer seinen Job nicht sofort verlor, hatte trotz allem ganz andere Probleme als eine Reise \u00fcber den gro\u00dfen Teich, zum &#8222;Imperialisten&#8220; und &#8222;Klassenfeind&#8220;. Wenn uns die Unterhaltungsbranche gern eine romantische Geschichte zweier junger Leute erz\u00e4hlt, die als Rucksacktouristen und Individualreisende gleich nach dem Zusammenbruch des &#8222;Arbeiter- und Bauernstaates&#8220; r\u00fcbermachen, d\u00fcrfte es sich hierbei mehr Nachwende-Ostalgie handeln. Die Realit\u00e4t mag anders ausgesehen haben als die Versprechen von Helmut Kohl und seiner CDU: Die bl\u00fchenden Landschaften waren allenfalls in Industriebrachen zu finden, manifestiert in zwischen stillgelegten Maschinen sprie\u00dfenden Grasb\u00fcscheln. Das Geld war knapp, und wurde auch nicht mehr dadurch, das sich das Lohnniveau prozentual nicht angleichen mochte &#8211; und noch heute unter dem im Westen liegt. Leih- und Zeitarbeit sei dank, k\u00f6nnen sich Reisewillige zum Teil weit unter Mindestlohn allerh\u00f6chstensfalls einen Bildband zusammensparen. Nun also ist es nicht mehr der fiese Sozialismus, dessen eiserner Vorhang und der dort herrschende Schie\u00dfbefehl, vielmehr kapitalistische H\u00fcrden, die der Reisefreiheit ihre Grenzen setzt.<\/p>\n<p>Nicht anders sieht es beim ehemaligen Klassenfeind aus: Gut situierte Staatler k\u00f6nnen sich trotz wundersch\u00f6ner Naherholungsziele Fernreisen leisten, w\u00e4hrend der durschschnittliche Arbeiter immerhin nicht mehr ohne Krankenversicherung leben muss. Trotzdem k\u00f6nnen auch die Amerikaner, zumindest offiziell nicht \u00fcberall hin. Ein Besuch beim Klassenfeind, dem gr\u00f6\u00dften Inselstaat der Karibik, Kuba n\u00e4mlich, ist verboten, aus dem Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten ins Nachbarland fliegen wird mit empfindlicher Strafe geahndet. Viele Amerikaner machen daher einen Umweg \u00fcber Kanada und Mexiko, um von dort unbemerkt nach Havanna und dar\u00fcber hinaus zu kommen. Weh dem, der dann Bilder von seiner Reise ins Internet stellt und von seinen Freunden verpfiffen wird, denn die Strafverfolungsbeh\u00f6rden sind gehalten Hinweisen auf Verst\u00f6\u00dfe gegen das Ausreiseverbot nachzugehen. Den Kubanern hingegen steht seit kurzem in Aussicht, sich ohne vorherige Genehmigung ins Ausland zu begeben, in die dr\u00f6ge USA und dar\u00fcber hinaus. De facto genie\u00dfen kubanische Staatsb\u00fcrger damit eine weiter reichende Reisefreiheit als ihre Nachbarn &#8211; zumindest auf dem Papier, und das ist geduldig, so lang es nicht gr\u00fcn bedruckt ist. Doch zur\u00fcck zur <attr title=\"Deutschen Demokratischen Republik\">DDR<\/attr> und seinen nunmehr (selbst-)befreiten B\u00fcrgern: Der ehemalige sozialistische Bruderstaat ist f\u00fcr die B\u00fcrger der DDR a.D. nun tats\u00e4chlich ebenso bereisbar, wie der ehemalige Klassenfeind in den fernen USA. Damit nicht genug, sind sogar die Neubundesl\u00e4nd&#8217;ler damit den US-B\u00fcrgern voraus. Auch hier wieder nur auf dem Papier, denn wer wenig verdiet, teils gerade einmal rund 3 Euro pro Stunde Tariflohn, der wird sich \u00fcber Langstreckenfl\u00fcge in die Karibik keine Gedanken machen.<\/p>\n<p>Und so stellt sich 20 Jahre nach Ende des Eisernen Vorhang heraus: Es war garnicht die t\u00f6dliche die dem Menschen unw\u00fcrdigste Barriere, vielmehr l\u00e4uft der Klassenkampf grenzen- und gnadenlos, mit einem <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2006\/11\/26\/business\/yourmoney\/26every.html?_r=0\">selbst ernannten Gewinner<\/a>, dem einen Prozent auf der einen Seiten, und Milliarden Verlierern auf der anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisefreiheit war das unmittelbarste Rechtsgut, das den B\u00fcrgern der DDR geschenkt wurde, als die Mauer fiel. Man konnte seine Entfaltung an den heimischen Fernsehger\u00e4ten verfolgen &#8211; live vermutlich nur im Westen. 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