{"id":3383,"date":"2010-09-09T23:17:52","date_gmt":"2010-09-09T22:17:52","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2010\/09\/09\/frischer-wind-vertreibt-keinen-leichengeruch\/"},"modified":"2010-09-09T23:17:52","modified_gmt":"2010-09-09T22:17:52","slug":"frischer-wind-vertreibt-keinen-leichengeruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2010\/09\/09\/frischer-wind-vertreibt-keinen-leichengeruch\/","title":{"rendered":"Frischer Wind vertreibt keinen Leichengeruch"},"content":{"rendered":"<p>Am Bahnsteig weht ein frischer Wind, davon zeugt die reichhaltige Beschilderung w\u00e4hrend der Bauarbeiten: Die Z\u00fcge von Gleis 2 und 3 f\u00fchren w\u00e4hrend der Bauarbeiten vom nicht un\u00fcberdachten Abschnitt des Bahnsteiges, verk\u00fcndet an dessen Anfang ein zwar auf ordin\u00e4res Papier gedrucktes, doch vom Corporate Design eingerahmtes Schild. Das Gleis 1 den letzten Bauarbeiten vor Jahrzehten zum Opfer fiel, erschlie\u00dft sich vielleicht noch bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung, wenige Sekunden Recherche und der Fund eines historischen Gleisplanes, datiert auf die Jahre 1904\/05, widerlegen diese Theorie: Gleis 1 war schlicht ein dicht am Bahnhofsgeb\u00e4ude vorbei gef\u00fchrtes Zweirichtungsgleis ohne besonders ausgezeichneten Bahnsteig, jedenfalls zum Zeitpunkt der Drucklegung und auch auf den monochromen Fotos als Zeitzeugen besserer Zeiten der Bahn im Allgemeinen und diesen Bahnhofs im Speziellen. Den Bahnhof n\u00e4mlich touchierte nicht zuletzt ein Zug aus dem fernen Paris, D 257 aus Paris Est, \u00fcber Oberursel nach Gr\u00e4venwiesbach als N 2530 weiter gef\u00fchrt konnte man seine Croissants \u00fcber drei Jahre hinweg aus Paris ohne Umstieg in den Taunus mitnehmen. Dorthin wo fr\u00fcher die G\u00fcterabfertig nebst Ladestra\u00dfe gewesen sein mag und zwischenzeitlich Parkpl\u00e4tze geschafffen wurden, zieht es einen Investor, an den die Bahn den Landstrich ver\u00e4u\u00dfert hat, der fr\u00fcher dem G\u00fcterumschlag diente. Das alte Bahnhofsgeb\u00e4ude wird erhalten bleiben, auch das bezaubernde Schrankenw\u00e4rterh\u00e4uschen d\u00fcrfte sicher sein. Das ganze Drumherum aber ist Geschichte, l\u00e4ngere Zeit wohl schon das &#8222;Telegraphenamt f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Verkehr&#8220;, eine 33 t Gleiswaage sowie ein 1,2 t Kran. Der neue Haltepunkt wird routiniert modernisiert, m\u00f6glicherweise werden sogar die Gleise umgewidmet, sodass niemand auf die Idee kommt den dritten Bahnsteig zu suchen. L\u00e4ngst zur\u00fcck gebaut ist der Gleisanschluss, \u00fcber den fr\u00fcher fabrikneue Stadtbahnen angeliefert wurden. Das sich Bahn und Investor in f\u00fcr beide Seiten lukrativer Weise \u00fcberein gekommen sein d\u00fcrften, ist sicher. Das der neue Halt den &#8222;hohen Anspr\u00fcchen an ein modernes Verkehrsmittel&#8220; gerechet wird, d\u00fcrfte auch selbstverst\u00e4ndlich sein. So kommt sie daher, die neue, privatisierte Bahn. Im Bahnhof selbst h\u00e4ngt aber noch immer Leichengeruch in der Luft, hier m\u00fcffelt es nach Bundesbahn. Die aus der Zeit vor dem Millionen-schweren DB-Keks stammende Uhren sind damit nicht gemeint, sie sind es immerhin die hier seit seinerzeit die Zeit ansagen und deren Zeit jetzt viel zu fr\u00fch gekommen zu sein scheint. Denn mit der Renovierung ist das Bundesbahnlogo hinter echtem Glas nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Weiter hinten, dort wo die bei dieser Witterung dringend notwendige \u00dcberdachung endet, h\u00e4ngt ein eher f\u00fcr die Ewigkeit gedachtes Schild: &amp;raquo;Verengter Bahnsteigbereich. Hier kein Aufenthalt! Durchfahrt f\u00fcr Rollstuhlfahrer nicht geeignet.&amp;laquo; Das hierher ein Rollstuhlfahrer irrt, ist unwahrscheinlich: Der angehenden Fahrgast hat bis hier hin seit jeher &#8211; oder immerhin seitdem hier ein \u00dcberschreiten der Gleise wegen der hohen Frequenz der Z\u00fcge nicht mehr vertretbar war &#8211; ein paar Dutzend Stufen hinter sich gebracht. Demn\u00e4chst, wenn die Bauarbeiten vorbei sind, wird diese H\u00fcrde f\u00fcr niemand mehr zu bew\u00e4ltigen sein. Das es bei dem Umbau vor einigen Jahrzehnten bereits intelligenter gewesen w\u00e4re, den ebenerdigen Zugang auch vom angrenzenden Bahn\u00fcbergang zu gew\u00e4hrleisten, daran wird sich niemand mehr erinnern, wenn denn erst der schicke neue Zugang zug\u00e4nglich, der Fahrstuhl verbaut und damit der Zug\u00e4nglichkeit f\u00fcr Behinderte Gen\u00fcge getan wurde. Dieser von der Bahn seit Privatisierung weder angemessen gepflegter noch renovierter Bahnhof, ein einzigartiges Schmuckst\u00fcck \u00fcbrigens, hat seine letzte Aufwertung erlebt, als hier in den 1970er Jahren die erste S-Bahn abfuhr. Zeugnis dessen ist die zeitgen\u00f6ssisches Vert\u00e4felung des Zuganges vom Bahnhofsgeb\u00e4ude zum Bahnsteig, mit orangenen Kacheln. Dorthin wo die den Ankomenden f\u00fchren ist schon l\u00e4ngst keine Bahnhofsgastronomie mehr untergebracht, der letzte Bahnbedienstete hat den Schalter aber trotzdem so lang noch nicht verlassen. Ihm standen die Taxifahrer zur Seite, die hier ihre Zentrale hatten, und von Zeit zu Zeit war dort wo fr\u00fcher noch ein echter Wartesaal nebst Bahnhofsgastst\u00e4tte die Reise zur Unternehmung machten nur noch ein Kiosk untergebracht, wo man ganz zeitgen\u00f6ssisch &#8222;Coffee to go&amp;trade;&#8220; kaufen und dann auf dem Weg hinab und hinau in das Gew\u00f6lbe und auf den Bahnsteig wieder versch\u00fctten kann.- Den letzten Rest eines echten Bahnhofes, den man fr\u00fcher und heute viel einfacher h\u00e4tte integrieren k\u00f6nnen wird die Bahn jetzt aufgeben, denn der Zugang wird \u00fcberfl\u00fcssig, das Geb\u00e4ude hat keine betrieblichen Wert und die Immobilie ist aufgrund ihrer Historie bares Geld wert, noch zumal in einer Gemeinde mit ordentlichem Haushalt platziert. Den Geist der Bahnreise als Abenteuer hat man diesem Bahnhof endg\u00fcltig ausgetrieben, damit vollendet die Bahn was sie beim rollenden Material begonnen hatte &#8211; und mit der legend\u00e4ren Baureihe 420 noch scheitern sollte. Das Flair geht ihr verloren. Und die Dienstleistung, die sie verkaufen will, und die sie von der reinen Bef\u00f6rderung abhebt, hat sie noch nicht gefunden. Die Bundesbahn ist tot, ihr Leichengeruch aber haftet der Bahn noch an. In Zeiten, in denen man unabl\u00e4ssig f\u00fcr eine Vollprivatisierung k\u00e4mpft ist das zu wenig, um eine Enteignung des Steuerzahlers durch Totalausverkauf einzuleiten. Zumal auch jene Dienstleistung, die in den meisten F\u00e4llen \u00fcber die reine Daseinsvorsorge nicht hinaus reicht, kaum noch aus den Schlagezeilen wegzudenken ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Bahnsteig weht ein frischer Wind, davon zeugt die reichhaltige Beschilderung w\u00e4hrend der Bauarbeiten: Die Z\u00fcge von Gleis 2 und 3 f\u00fchren w\u00e4hrend der Bauarbeiten vom nicht un\u00fcberdachten Abschnitt des Bahnsteiges, verk\u00fcndet an dessen Anfang ein zwar auf ordin\u00e4res Papier gedrucktes, doch vom Corporate Design eingerahmtes Schild. 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