{"id":3330,"date":"2010-09-03T22:11:16","date_gmt":"2010-09-03T21:11:16","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=3330"},"modified":"2010-09-03T22:11:16","modified_gmt":"2010-09-03T21:11:16","slug":"mcsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2010\/09\/03\/mcsozialismus\/","title":{"rendered":"McSozialismus"},"content":{"rendered":"<p>Gerade Fastfood-Ketten gelten als Inbegriff des Amerikanischen Traum, gelebt als &raquo;american way of life&laquo; auf den Bildern der ersten Filialen der inzwischen multinationalen Konzerne. Damit der Glauben daran nicht verloren geht, er\u00f6ffnete man im neuen Jahrtausend in Paris, London und Oberstetten spezielle Fiilialen im museal anmutenden 1960er Jahre Ambiente, nat\u00fcrlich mit eben diesen Zeitzeugen in Schwarzwei\u00df an den W\u00e4nden.<\/p>\n<p>Doch an die gute, alte Zeit erinnert meist nur das. Selbst das der Epoche nachempfundene Interieur wirkt etwas abgenutzt l\u00e4ngst nicht mehr so authentisch wie zu der Zeit, in der die Burgerbude noch nach Bratenfett roch und Kinder allenfalls einen Cheeseburger und von der gro\u00dfen Pommes etwas abbekamen. Inzwischen werden den Kleinsten auch hier eigene Men\u00fcs feil geboten und jede Menge Spielzeug mitgeliefert. Ganze Abenteuerspielpl\u00e4tze konkurieren mit dem sp\u00e4rlichen Gemeinde-eigenen Mobiliar immer rarer ges\u00e4\u00e4ter Spielpl\u00e4tze. So wird der Nachwuchs herangef\u00fchrt und angef\u00fcttert. Das wiederum wirkt wie in einem totalit\u00e4ren System, schlie\u00dflich dient all das Spielzeug, Spielger\u00e4t und der Spielplatz selbst letztlich nur der Gewinnmaximierung durch Indoktrinierung der Kundschaft, von klein auf bis dick und rund.<\/p>\n<p>Dort, wo der Neureiche fr\u00fcher seine erste Million hart ersp\u00fclte, gastiert der vom Tellerw\u00e4scher mutierende Million\u00e4r sp\u00e4ter nur noch als Zaungast, vom Parkplatz des angrenzenden Biosupermarktes seines Vertrauens, so die Phantasie vom Habenichts zum Lebemann, so k\u00f6nnte man sie sich sogar hier im Darmst\u00e4dter Johannesviertel herbei phantasieren, wo die Burgerbraterei von M\u00fcllverbrennung und Autohaus, Biosupermarkt und Studentenwohnheim eingerahmt ist. Doch die Realit\u00e4t sieht anders aus. Die Niedrigl\u00f6hner hinter der Theke haben keine Aussicht auf einen F\u00fchrungsposten, weder im Konzern noch als Tellerw\u00e4scher a.D. irgendwo sonst. Diesen Knochenjob macht niemand l\u00e4ngere Zeit, wenn er nicht muss. Wer hingegen muss, muss sich in der sp\u00e4rlichen Freizeit Perspektiven schaffen. Den Chef gibt ein frisch diplomierter Betriebswirtschaftler, von denen die deutsche Hochschullandschaft jedes Jahr zehntausende hervor bringt. Oder Quereinsteiger aus den unterschiedlichsten Segmenten, nur eben nicht der Gastronomie, nicht zuletzt weil die Burgerbuden so viel mit dem Gastgewerbe zu tun haben, wie ihre Angestellten vom amerikanische Traum tagtr\u00e4umen k\u00f6nnen: Hier l\u00e4uten Friteuse, Drive Through und Eismaschine um die Wette, wollen entleert, bedient und bef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Wer dann nach der letzten Schicht hier raus geht, setzt den Fuss selten vor Mitternacht vor die T\u00fcre, und hinterl\u00e4\u00dft einen Ort der mich nach heutiger Beobachtung eher an Sozialismus erinnert, als den &#8211; im wahrsten Wortsinn &#8211; Fleisch gewordenen amerikanischen Traum: Die Produktpalette ist h\u00f6chst monoton, und das seit Jahrzehnten. Du stehst viel zu lang in einer Schlange, und das nur um ganz vorne angekommen festzustellen, was du von hinten schon beobachten konntest, n\u00e4mlich das die eigene Wahl gerade aus ist und -will man nicht noch l\u00e4nger warten &#8211; die Auswahl ziemlich mau ist. Zu guter Letzt rekrutiert sich auch das F\u00fchrungspersonal eben seltenst aus den Reihen derer, die die Reihen bedienen, sondern aus dem pseudo-elit\u00e4ren Zirkel von Absolventen und ihrer Headhunter. Der Unterschied zum Sozialismus beruht in der weiteren Beobachtung noch auf einem anderen Klischee vom Sozialismus, n\u00e4mlich der faulen Haut des Einzelnen in der Masse, der hier garantiert keine Chance abzutauchen: Der Druck auf den Angestellten wird zwar nur selten offenbar, aber Jedem hier hinter der Theke ist anzumerken, das sein Traumjob hier nicht in Erf\u00fcllung gegangen ist.<\/p>\n<p>Mein letzter Burger ist beinah ein Jahr her, damals zum Fr\u00fchst\u00fcck an meinem Geburtstag.<\/p>\n<figure itemscope=\"itemscope\" itemtype=\"http:\/\/n.whatwg.org\/work\">\n<dd><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4146\/4954714393_190384da42.jpg\" width=\"450\" itemprop=\"work\" alt=\"Fr\u00fchst\u00fcckszeit\" \/><\/dd>\n<dt>\n        <span itemprop=\"title\">Birthday-Burger<\/span><br \/>\n        <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/springfeld\/4954714393\/\" itemprop=\"author\">Udo Springfeld<\/a><br \/>\n        <small><br \/>\n            <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/de\/\" itemprop=\"license\"><br \/>\n                <abbr title=\"Creative Commons Namensnennung\">CC-BY<\/abbr><br \/>\n            <\/a><br \/>\n        <\/small>\n    <\/dt>\n<\/figure>\n<p>Zwischendrin vermisse ich ehrlich gesagt nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade Fastfood-Ketten gelten als Inbegriff des Amerikanischen Traum, gelebt als &raquo;american way of life&laquo; auf den Bildern der ersten Filialen der inzwischen multinationalen Konzerne. 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