{"id":3217,"date":"2010-07-22T11:12:28","date_gmt":"2010-07-22T10:12:28","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=3217"},"modified":"2010-07-22T11:12:28","modified_gmt":"2010-07-22T10:12:28","slug":"merkel-und-wulff-dialog-in-echtzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2010\/07\/22\/merkel-und-wulff-dialog-in-echtzeit\/","title":{"rendered":"Merkel und Wulff: Dialog, in Echtzeit"},"content":{"rendered":"<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespr\u00e4sident Christian Wulff haben sich in kurzer Folge zu den Umw\u00e4lzungen in der \u00f6ffentlichen Meinung zu Wort gemeldet, und wie ich finde in keineswegs vers\u00f6hnlicher Weise.<\/p>\n<h2>Bundespr\u00e4sident Wulff vermisst privilegierten Zugang zu Massenmedien<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst vergingen keine 24 Stunden, da bekannte unser neuer Bundespr\u00e4sident seinen privilegierten Zugriff auf die Dialog-freien Massenmedien zu vermissen. Fr\u00fcher hatten Politiker privilegierten Zugang zu den am darauf folgenden Tag \u00fcber sie publizierten Fakten und Fiktionen. Da konnte noch vor der Ver\u00f6ffentlichung Feintuning an der betroffenen Miene oder eine halbwegs passende Halbwahrheit erdacht werden, mit der auf Enth\u00fcllungen reagiert werden kann. Das meine nicht ich, <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2010\/07\/01\/die-arroganz-des-wissens\">Christian Wullf meint das<\/a>, und zwar im Wortlaut wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Fr\u00fcher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dabei w\u00e4re es am ersten Tag nicht Wulff selbst, der etwas richtig stellen m\u00fcsste, wohl aber die Berichterstattung \u00fcber ihn: Denn was da als Jubel \u00fcber das neue Staatsoberhaupt aus dem Wahlstudio des \u00d6ffentlich-Rechtlichen drang, war vielmehr der der Anh\u00e4nger von Gauck, die zu Dutzenden vor dem Reichstag auf der Leinwand das Gezerre verfolgten. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/leben\/medien\/artikel\/1\/falsche-jubelbilder\/\">Der Jubel galt Gauck<\/a>, das Geklatsche einer Handvoll Anh\u00e4nger von Christian Wulff war wohl auch kaum eine Nachricht wert.<\/p>\n<h2>Bundeskanzlerin Merkel erkennt Dialog und Vielgestaltigkeit ver\u00f6ffentlichter Meinung<\/h2>\n<p>Im exklusiven, gewiss ordentlich redigierten Interview mit dem Massenmedium Bunte offenbarte Angela Merkel nun, das sie das Problem der Vielgestaltigkeit der ver\u00f6ffentlichten Meinung sehr wohl verstanden hat. Das sie daran aber mit ihrem vom Steuerzahler bezahlten Podcast partizipiert, und nat\u00fcrlich auch profitiert, da ihr Wortlaut 1:1 und nicht von den Medien vorgefiltert wird, verschweigt sie tunlichst.<\/p>\n<p>Was Merkel genau zu sagen hat, zitiert <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Merkel-Das-Web-macht-es-der-Politik-schwerer-1042655.html\">heise online in &#8222;Merkel: &raquo;Das Web macht es der Politik schwer&laquo;&#8220;<\/a> mit verschiedenen Killerphrasen. Da wird vom &#8222;Gesamtmeinungsbild&#8220; gesprochen, das nicht mehr so eindeutig festzumachen sei. Das damit die Weisheit der Vielen gemeint sein k\u00f6nnte, darf bezweifelt werden. Vielmehr liest es sich, als sei Merkel traurig das man nicht mehr von einer Hand voll Verlegern reflektiert bekommt, was man denen zuvor in die Notizbl\u00f6cke diktiert hat, und letztlich an den Arbeitspl\u00e4tzen und den Stammtischen der Republik zu diskutieren ist.<\/p>\n<p>Das fehlende &#8222;Gesamtmeinungsbild&#8220; war fraglich einfacher zu deuten, aber nat\u00fcrlich auch eine vereinfachte Sichtweise alias &#8222;ver\u00f6ffentlichte Meinung&#8220;, die dem Volk kaum noch &#8222;auf&#8217;s Maul&#8220; schaut, sondern strategisch veranlagt war. Politiksprech, zumal als t\u00e4gliche Losung vereinbart, diente dazu, wiederkehrend Notwendigkeiten zu vermitteln, damit sich der Rezipient damit vertraut machen kann, und zum Teil sicher auch um dessen Meinung davon zu sondieren. Das wurde allerdings verlernt: Massenmedien verdauen zunehmend unzerkaut, im schlechtesten Fall politisch eingef\u00e4rbt. Gutes Beispiel dessen sind  die einschl\u00e4gig &#8222;links&#8220; oder &#8222;rechts&#8220; verorteten Tageszeitungen, denen die Leser des jeweils anderen Lagers keine Aufmerksamkeit oder Glauben mehr schenken. So wurde aus der Presselandschaft Monokultur, aus \u00f6ffentlichem Schlagabtausch zwischen politischen Positionen Einheitsbrei, aus unabh\u00e4ngiger Presse Gef\u00e4lligskeitsjournalismus bis hin zur Hofberichterstattung f\u00fcr den exklusiven Zugang zu Details. Und damit meine ich den Verlauf der letzten Jahrzehnte.<\/p>\n<p>Heute stehen Presseorgane \u00fcber das Netz in noch st\u00e4rkerer Konkurrenz zueinander und erleben einen nie dagewesenen Ver\u00f6ffentlichungsdruck, dem Konkurrenten auf dem verhassten Google News um eine Viertelstunde zuvor zu kommen und somit mehr Klicks zu generieren &#8211; und also Werbefl\u00e4chen zu vermarkten. Damit wanderte das Feld stringenten kritischen Journalismus, mit tiefgehenden Reportagen und spitzen Kommentaren zunehmend in ein  ebenso verhassten wie bel\u00e4cheltes Format: <br \/>Blogs.<\/p>\n<p>Deutschland ist heute noch lange nicht dort, wo es seiner publizistischen Tradition verpflichtet mit Blogs sein k\u00f6nnte. Die ver\u00f6ffentlichten Meinungen sind weder systematisch lokalisiert, noch besch\u00e4ftigen sie sich in der vollen Breite der Berichterstattung, die klassische Massenmedien heute &#8211; noch &#8211; bedienen. Die nachhaltige Debatte, die \u00fcber Stammtische, Mensa und Kantine hinaus gehen, steht noch aus, ist aber nur aufgeschoben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat Merkel Unrecht, wenn sie diagnostiziert es g\u00e4be &raquo;nicht mehr nur eine \u00d6ffentlichkeit, sondern viele \u00d6ffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden m\u00fcssen.&laquo; Selbstverst\u00e4ndlich bleibt es weiterhin nur eine \u00d6ffentlichkeit, aber eben viele Meinungen. Meinungen die heute einfacher denn je kommuniziert und transportiert werden k\u00f6nnen. Die \u00d6ffentlichkeiten &raquo;die ganz verschieden angesprochen werden m\u00fcssen&laquo; verwechselt Merkel mit den unterschiedlichen Kan\u00e4len, derer es in Zukunft bis zu 82 Millionen in Deutschland geben k\u00f6nnte. Dann n\u00e4mlich wenn  ver\u00f6ffentlichte und \u00f6ffentliche Meinung ineinander \u00fcbergehen und ineinander verschwimmen. Das ist zugleich der Rettungsanker f\u00fcr die klassischen Medien, denn sie k\u00f6nnen sich wieder der professionellen Berichterstattung widmen, w\u00e4hrend die Meinung nicht mehr vom Multiplikator Massenmedien vervielf\u00e4ltigt, sondern sich anhand ihrer erst bildet.<\/p>\n<p>Trotzdem scheint es nicht im Interesse der Verleger zu liegen, vielleicht weil es mit einem Kontrollverlust einhergeht. Die ehedem als Kontrollinstanz in der Verfassung verankerte Presse ist daher mit der Politik eine unheiligen Allianz eingegangen, die das Leistungschutzrecht f\u00fcr die Presse zum Ziel hat, die aber nicht nur der Refinanzierung des Journalismus, sondern vor allem dem gegenseitigen Machterhalt dient. Merkel verschafft der Presse &#8222;zu deren Schutz&#8220; eine nie versiegende Geldquelle, ganz unabh\u00e4ngig von Qualit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit. Wer publiziert, partizipiert. Das d\u00fcrfte den Trend zu schnellerer, unsauberer Recherche und einstudierten, reflexartigen &#8222;Meinungsberichten&#8220; Vorschub leisten und w\u00e4re kontraproduktiv.<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespr\u00e4sident Christian Wulff haben sich in kurzer Folge zu den Umw\u00e4lzungen in der \u00f6ffentlichen Meinung zu Wort gemeldet, und wie ich finde in keineswegs vers\u00f6hnlicher Weise. 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