{"id":11190,"date":"2015-12-14T21:06:15","date_gmt":"2015-12-14T20:06:15","guid":{"rendered":"http:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/?p=11190"},"modified":"2022-09-20T18:08:23","modified_gmt":"2022-09-20T16:08:23","slug":"nicht-ueberwerfen-sondern-daempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/udo.springfeld.eu\/blog\/2015\/12\/14\/nicht-ueberwerfen-sondern-daempfen\/","title":{"rendered":"Nicht \u00fcberwerfen, sondern d\u00e4mpfen!"},"content":{"rendered":"<p>Mathias D\u00f6pfner hat eine \u00bbNicht unterwerfen, sondern k\u00e4mpfen\u00ab \u00fcbertitelte \u00bbBotschaft von Paris\u00ab versand. Er konstruierte in jenem Wortbeitrag aus den beiden diesj\u00e4hrigen Anschl\u00e4gen von Paris ein \u00bbpsychologisches\u00ab \u00bbeuropisches Nine Eleven\u00ab. Und er stellt darin alles zu Disposition, sieht den \u00abKern getroffen\u00ab, den er sogleich identifiziert: Das sei der Staat, die Ordnung, die Sicherheit, die Kontrolle. Und er s\u00e4ht die Angst im Leser, indem er die Ich-Perspektive einnimmt und schreibt man h\u00e4tte auch getroffen worden sein, ohne das Polizei, Staat, Politiker geholfen h\u00e4tten. Ja, genau so schreibt er es auf, am Freitag, den 13., und ver\u00f6ffentlicht es binnen 48 Stunden nach den Anschl\u00e4gen. Aber weder wurde der Staat angegriffen, noch eine ma\u00dfgebliche Zahl Individuen dessen. Man muss es n\u00fcchtern sagen: \u00dcber hundert Tote, Zivilisten sind schlimm, schlimmer w\u00e4re aber Eskalation in Folge un\u00fcberlegter Handlungen in Folge dessen. Genau dazu wird aber indirekt aufgerufen.<\/p>\n<p>Einleitend zeichnet D\u00f6pfner hierzu ein Bild von einem Schlachtfeld: \u00abDie Leichen sind noch nicht in den Plastiks\u00e4cken der Sanit\u00e4ter verpackt, die Toten noch nicht gez\u00e4hlt.\u00ab\u00a0<i>Verletzte gab es keine?<\/i>\u00a0Was bezweckt jemand, der sich so leidenschaftlich \u00fcber die Opfer beugt und dabei wohlfeile Warnungen vor den n\u00e4chsten ausspricht? Offenbart er mit der darauf folgenden Beobachtung, \u00bbDie Kommentare sind geschrieben. Die Reden gehalten. Alles ist analysiert. Und es sind die immer gleichen Beschw\u00f6rungen.\u00ab, das auch dieser Beitrag l\u00e4ngst geschrieben und in der Schublade lag? Anschl\u00e4ge wie die von Paris k\u00f6nnen auch Mathias D\u00f6pfner nicht unger\u00fchrt lassen, und in so einer Verfassung schreibt man sich bisweilen in Rage. Aber der Beitrag ist, ordentlich analysiert, keiner der ad hoc herunter geschrieben worden ist, sondern wohl \u00fcberlegt wirkt. Und wie bestellt folgt die n\u00e4chste das suggerierende Nebelbombe sogleich: \u00bbEuropa redet sich Mut ein wie ein Kind, das aus Angst vor dem Gewitter Blitz und Donner anbr\u00fcllt. Europa ist geschw\u00e4cht. Schlimmer: Europa ist schwach.\u00ab So ein Quatsch: Obwohl Europa einerseits viel weltoffener und viel weniger militarisiert daher kommt, haben die Staaten in der EU wesentlich weniger Opfer zu verzeichnen als etwa die USA. Woran liegt das wohl? Vor allem ja wohl daran, das die hier lebenden Muslime sich nicht dazu bekennen m\u00fcssen dem Islamismus feindlich gesinnt zu sein, sondern es sind. Sie gr\u00fcnden hier Familien nicht der Fortpflanzung wegen, wie Sarrazin oder H\u00f6cke das diagnostizieren, sondern weil sie sich hier sicher f\u00fchlen, viele von ihnen jedenfalls sicherer als in ihren Heimatl\u00e4ndern. Das die Rechte ihnen weitgehend unwidersprochen das Gegenteil unterstellen kann, mit nationalsozialistischer Ideologie nachempfundenen Begrifflichkeiten wie \u201eUmvolkung\u201c, das ist eine Schande f\u00fcr das Land. Die Mutlosigkeit gegen\u00fcber Rechts ist was Europa schw\u00e4cht. Geistig verwirrten und deren R\u00e4delsf\u00fchrern, Sarrazin, H\u00f6cke, und man verzeihe mir, auch D\u00f6pfner, aber was dann folgt vervollst\u00e4ndigt das Bild, das der BILT-Chef schon skizziert hat.<\/p>\n<p>Denn dann kommt Mathias D\u00f6pfner zu des Pudels Kern, sein Pamphlet beinhaltet n\u00e4mlich eine Buchempfehlung: Kurz vor dem Anschlag auf \u201eCharlie Hebdo\u201c habe jemand unter dem Titel \u201eDie Unterwerfung\u201c (vgl. Titel seines Wortbeitrags) ver\u00f6ffentlicht. Geschickt verlinkt er eine Buchbesprechung auf der eigenen Website, erz\u00e4hlt aber sicherheitshalber in aller Ausf\u00fchrlichkeit eine Kurzfassung: \u00bbschleichende Unterwanderung\u00ab, \u00bbschlie\u00dflich Eroberung Frankreichs\u00ab durch \u00bbIslamistischen Fundamentalismus\u00ab. Da ist sie wieder, die rhetorische Brechtstange: Wer \u00bbIslamistisch\u00ab schreibt, muss nicht \u00abFundamenalismus\u00ab hinzuf\u00fcgen, aber er tut am 13. November 2015 gut daran, um im Sinn der eigenen Dramaturgie die Stimmung anzuheizen. Und wie gen\u00fc\u00dflich f\u00fchrt D\u00f6pfner noch vom Ablauf jener \u201eUnterwerfung\u201c, als handele es sich um einen Fahrplan und er s\u00e4\u00dfe in einem Zug mit Versp\u00e4tung auf dem Weg zu einem wichtigen Termin: Am Anfang seien es Anschl\u00e4ge, Feuer, Bomben, Schie\u00dfereien, mitten in Paris. Es folge der Wandel in der Gesellschaft, die sich hin zu unserem Zerrbild von unserem Bild Arabischer L\u00e4nder entwickelt. Mitten im Winter schreibt D\u00f6pfner \u00bbverschwinden Minir\u00f6cke, die durch lange Gew\u00e4nder ersetzt werden\u00ab, und man kann sich vor dem inneren Auge vorstellen was der Chef des Axel Springer Verlag hiermit f\u00fcr ein Bild verankern will: Paris, Berlin, London hinter dem Schleier. Witzig, das ausgerechnet ein Verlagschef, der mit Br\u00fcsten auf der Titelseite Geld verdient, Schleier als Kontrapunkt setzt. Man k\u00f6nnte jetzt festhalten, das er dem einen einen eigenen Extremismus, den des Wortes, entgegen setzt. Und man k\u00f6nnte festhalten, das er sich damit auf Augenh\u00f6he mit denen begibt, die das gezeichnete arabische Weltbild durchsetzen wollen. Aber vielleicht war D\u00f6pfner auch nur emotional aufgew\u00fchlt oder der vorliegende Artikel lag nach einer schlaflosen Nacht nach der Lekt\u00fcre eben des Buches einfach schon in der Schublade. Was man ihm aber auf alle F\u00e4lle vorwerfen kann, ist das er den Brandbeschleuniger zugibt, den er im selben Artikel erkennt und hiermit zu bek\u00e4mpfen vorgibt.<\/p>\n<p>\u00bbFl\u00fcchtlingskrise und Terrorwelle sind Brandbeschleuniger eines Kulturkampfes, der seit Langem schwelt.\u00ab schreibt er in der Funktion rhetorisch klever verkn\u00fcpft: Liest man \u00bbFl\u00fcchtlingskrise und Terrorwelle\u00ab zusammen, erinnert das an den noch frischen und kaum verklungenen Hatespeech \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c unseres Innenminister. Woanders im Text liest man dann auch nochmal \u00bb<i>Fakten der Einwanderungs<\/i><b><i>welle<\/i><\/b><i>\u00a0(vgl. \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c, A.d.R.) lassen jeden, dem der Verstand nicht abhandengekommen ist erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Million<\/i><b><i>en<\/i><\/b><i>\u00a0von Fl\u00fcchtlingen pro Jahr k\u00f6nnen selbst von der potentesten Wirtschaft und der tolerantesten Gesellschaft nicht integriert werden.<\/i>\u00ab D.h. jeder, der die Lehren von Sarrazin nicht als Wahrheit akzeptiert, wird von D\u00f6pfner als seines Verstandes beraubt dar- und als naiver Trottel hingestellt. Mehr noch begibt sich D\u00f6pfner hier auf ganz d\u00fcnnes Eis, wenn er aus Flucht Einwanderung macht. Er blendet n\u00e4mlich mal eben so die Veranlassung der zu uns kommenden aus. Er begibt sich an die Seite von Sarrazin, H\u00f6cke und anderer Rechte, denen das Wichtigste in der Fl\u00fcchtlingsdebatte zu sein scheint, wie man die Menschen wieder los werden. Indem er Fl\u00fcchtlinge zu Einwanderern macht, macht er sich mit denen gemein, die Germanen und Indianer mit Europ\u00e4er und Islamisten gleichsetzen, und das, lieber Herr D\u00f6pfner, machen vor allem. Neonazis in Nadelstreifen. Und was die sonst noch so machen? Die \u00fcberzeichnen die Fl\u00fcchtlingsbewegung. Wir sehen uns mit gerade mal 4% der weltweit fl\u00fcchtenden Menschen konfrontiert, und obschon wir angeblich so reich sind, machen manche Medien mobil als seien alle 60 Millionen auf dem Weg ins gelobte Land. Und auch er geh\u00f6rt in dem Beitrag dazu, was man allerdings nur sieht wenn man genau hinsieht: \u00bbMillion<b>en<\/b>\u00a0von Fl\u00fcchtlingen pro Jahr k\u00f6nnen (\u2026) nicht integriert werden.\u00ab Vor wenigen Tagen haben Deutschland tats\u00e4chlich eine Million Fl\u00fcchtlinge erreicht. Und das es bis zum 31. diesen Monats noch eine weitere Million werden ist unwahrscheinlich. Dennoch suggeriert der feine Herr D\u00f6pfner, was seine Bl\u00e4ttchen vor Monaten schon postulierten:\u00a0&#8222;<i>Es werden Millionen kommen!&#8220; <\/i>\u00a0Dem ist nat\u00fcrlich nicht so, aber wer diesen Text nur \u00fcberfliegt, dem wird der Plural im Ged\u00e4chtnis bleiben, weil er schon vor Monaten darauf eingestellt wurde. Verst\u00e4rkt wird die Wirkung noch durch Inaussichtstellen derselben Fl\u00fcchtlingszahlen per anno, was nat\u00fcrlich auch nicht zutrifft. Wer dem Leser Glauben macht, ab sofort k\u00e4me jedes Jahr Millionen, er ist f\u00fcr sich genommen schon ein geistiger Brandstifter. Unterl\u00e4sst man dann noch zu erw\u00e4hnen, da\u00df zwei von drei Fl\u00fcchtlingen binnen Jahresfrist abgeschoben werden, wird aus den Faktoren j\u00e4hrlich und Millionen eine beeindruckende Zahl, jedenfalls wenn man sich von allem Gedruckten leicht beeindrucken l\u00e4sst. Man sollte mit historischen Vergleiche generell vorsichtig sein, aber der\u00a0 Reichspropagandaminister h\u00f6chstselbst h\u00e4tten vor solch rhetorischen Finessen glatt den Hut gezogen.<\/p>\n<p>Doch man kann D\u00f6pfner nicht in Abrede stellen, bei alldem nicht \u00fcber den Tellerrand zu schauen. Er widmet sich nicht nur der Wirkung, also den Fl\u00fcchtlingen, sondern auch den Ursachen, jedenfalls seiner Ansicht nach. Wenn er sp\u00e4ter von \u00bbNichtdemokratischen\u00ab \u00bbRegime\u00ab schreibt, macht er vom selben Mittel Gebrauch, wie beim \u00bbIslmaistischen\u00ab \u00bbFundamentalismus\u00ab. Indem er die hohlen Phrasen nicht nur wiederholt, sondern ihre Deutung unmissverst\u00e4ndlich verst\u00e4rkt, indem er diese Dopplungen einbringt, manipuliert er den Leser jetzt subtiler als noch zuvor mit Hilfe von Schreckensbildern einer totalit\u00e4ren Gesellschaft. Und zugleich, wirklich im selben Atemzug, erinnert er daran, wie die funktionieren: Die (namentlich sp\u00e4ter ausgef\u00fchrt: Russen, Chinesen und die meisten islamischen Staaten) seien h\u00e4ufig viril (ausgepr\u00e4gt m\u00e4nnlich,\u00a0m.d.R.s.g.), entschieden gef\u00fchrt, w\u00fcssten was sie wollen und setzen das um\u00ab, wohingegen unsere \u00aboft schwach, unentschlossen und zaudernd\u00ab, \u00bbDialog und bei der Bev\u00f6lkerung Applaus suchend\u00ab seien. Witzig, das jemand der entschiedenen Antworten auf die Gewalt, also in Form von Gegengewalt fordert, zugleich unterstellt wir seien dazu nicht entschieden genug, w\u00fcssten nicht was wir wollten und setzten das nicht um. Es wirkt vielmehr als sollte der Wortbeitrag im W\u00e4hler den Willen nach Rache hervorrufen, denn Vergeltung, oder biblisch (also vormittelalterlich) Zahn um Zahn ist doch die Aufforderung danach zu \u00bbk\u00e4mpfen\u00ab, die schon im Titel zum Ausdruck kam.<\/p>\n<p>Und gegen wen es geht, stellt er sicherheitshalber selbst heraus. \u00abDie westlichen Demokratien stehen vor einer schicksalhaften Frage: (\u2026) Unterwerfung oder Kampf? Und wenn Kampf: wie?\u00ab: Die Eingrenzung \u201ewestliche\u201c schlie\u00dft nicht nur die Staaten aus, in denen sich der Arabischen Fr\u00fchling abgespielt hat, sondern auch Israel (weil Nahost), Russland sowie andere Ostblockstaaten, und China. Nun schlie\u00dfen die Statuten des Axel Springer Verlag Israel aus, bleibt also der Ostblock, zumeist autorit\u00e4re Regime, zwei die D\u00f6pfner ja auch explizit erw\u00e4hnt. Aber wer will diesen wichtigen Handelspartner denn ernsthaft den Krieg erkl\u00e4ren. Nein, darum geht es ihm hier nicht.<\/p>\n<p>Vor diesem Schwarz-Wei\u00df-Weltbild kommt D\u00f6pfner dann auch schlie\u00dflich zu einem Fazit:<\/p>\n<p>Den \u00bbVorboten der Unterwerfung\u00ab d\u00fcrften nun nicht mehr nur Reden entgegen gesetzt werden. Die Abgrenzung muslimischer Verb\u00e4nde seien ihm nicht mehr genug. Als ob in den Moscheen Gewalt toleriert w\u00fcrde, schreibt er: \u00bbDie Imame m\u00fcssen in den Moscheen Zeichen setzen.\u00ab. Als ob im Koran Handlungsanweisungen f\u00fcr die islamische Kolonialisierung enthalten seien, schreibt er allen Ernstes: \u00abIn immer mehr deutschen Hotels liegt ein Koran in der Schublade. In den arabischen Hotels der Welt sucht man die Bibel vergebens.\u00ab und setzt also ganz klar auf Religionskrieg, als h\u00e4tte es die Aufkl\u00e4rung nie gegeben.<\/p>\n<p>Vor dieser Kulisse stellt sich Mathias D\u00f6pfner und fordert den Staat, aber nicht nur den, heraus.<\/p>\n<p>Indem er schlie\u00dflich f\u00fcr die \u00bb<b>Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte<\/b>\u00ab wirbt. In der so genannten Mitte, f\u00fcr die er ja vorgeblich schreibt, findet das nat\u00fcrlich Anklang. Denn es best\u00e4tigt den Eindruck: Du bist die Mitte, du bist kein Rechter. Dabei lesen vor allem wertkonservative und nationalbewusste \u201eWelt\u201c. Und so wirkt das Pamphlet wie ein Aufruf an alle jenseits der Linken, sich irgendwie zu wehren. Es wirkt als sei das Pamphlet, das er sich da zurechtgelegt und im rechten Moment aus der Schublade gezaubert hat, eine Aufruf an das was jemand mal als \u00bbSchweigende Mehrheit\u00ab fehl-diagnostiziert hat. Wenn er von einerseits \u00bbkeinen linken oder rechten Populismus\u00ab will, aber die dazwischen befindliche Mitte im O-Ton dazu aufruft sich zu radikalisieren, ihre Werte \u00bbwehrhaft\u00ab zu \u00bbverteidigen\u00ab wird offenkundig, das er diesen Beitrag nicht \u00bbden Opfern\u00ab und \u00bbunseren Kindern\u00ab (doppelte Vereinnahmung) gewidmet hat, sondern sich darin vor allem selbst gefiel und vielleicht sogar Unruhe stiften wollte. Zum Gl\u00fcck erreicht BILT nicht mehr die kritische Masse, die daraus eine Massenbewegung machen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mathias D\u00f6pfner hat eine \u00bbNicht unterwerfen, sondern k\u00e4mpfen\u00ab \u00fcbertitelte \u00bbBotschaft von Paris\u00ab versand. Er konstruierte in jenem Wortbeitrag aus den beiden diesj\u00e4hrigen Anschl\u00e4gen von Paris ein \u00bbpsychologisches\u00ab \u00bbeuropisches Nine Eleven\u00ab. 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