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▶ Filmtipp: Who Am I - kein System ist sicher ★★★★✰

Reisebericht aus Tschernobyl

Tschernobyl war eines der ersten wichtigen Ereignisse meines noch jungen Lebens, das mir kein anderes in Erinnerung geblieben ist. Tschernobyl war für die Generation Golf was 9/11 für die Generation Web 1.0 war. Wir durften nur noch in die Schule, wenn es nicht regnete, und öffentlicher Raum bekam flächendeckend Verbotsschilder. Kontamination all überall. Frankfurt, wo ich aufwuchs, kannte das ja von den Höchst Werken, wo allenthalben »keine Gefahr für die Bevölkerung« in die Kameras pr-pagiert wurde, während im Hintergrund ganze Stadtteile dekontaminiert wurden. Während man aber Teile Frankfurts heute sicheren Fusses durchschreiten kann, ist das mit Tschernobyl und Umgebung natürlich nicht so einfach. Insofern hat mich dies Foto Essay aus Tschernobyl sehr beeindruckt. Hammer und Sichel haben überlebt, ebenso Propaganda-Material für eine bevorstehende Kundgebung. Doch was in Endzeitfilmen nachzustellen versucht wird, ist hier Realität: Die Geisterstadt selbst ist durch und durch bewaldet, hier lebt, von einem riesigen Fisch und vermutlich auch einigen anderen Tieren, zumindest keine Menschenseele mehr. Anschaulich ist auch der Reisebericht in die Todeszone Chernobyl von einem Gastautor auf F!XMBR.

Q wie Quereinsteiger

»Schluss mit den nachgeplapperten Phrasen! Nieder mit den rhetorischen Pappkameraden, gegen die man immer recht behält! Weg mit der Pose! Her mit der Haltung!«1 Das kann man so unterschreiben. Ob es gelebt wird, wird sich zeigen.

  1. via Q wie Quereinsteiger | vorwärts Verlag []

Anonymität in den Grenzen des Anstands

Meinungsfreiheit kennt im wiedervereinten Deutschland keine Grenzen – könnte man meinen. Pressefreiheit als Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten könnte knapp 20 Jahre nach der kommerziellen Öffnung des Internet der Vergangenheit angehören – könnte man meinen. Doch wie weit es mit dem emanzipierten Bürger 2.0 ist, dazu lasse ich mal meinen Parteivorsitzenden von vor zwei Jahren zu Wort kommen:

(…) lebendige Demokratie braucht einen politisch gebildeten Staatsbürger bzw. Staatsbürgerin. (…) Aber wer sich anschaut, was am Nachmittag in Deutschlands Fernsehsendern läuft, oder wer einmal in manche politischen Blogs im Internet schaut, in denen die Anonymität scheinbar jede Grenze des menschlichen Anstands beseitig hat, oder wie wenig noch Zeitungen gelesen werden, der bekommt eine Ahnung, liebe Genossinnen und Genossen, wie dringend nötig unser Land auch wieder eine Initiative für politische Bildung hat.1

Damit dürfte auch gemeint gewesen sein, Mancher beteilige sich am politischen Diskurs nur deshalb anonym, weil das Netz ihm das ermögliche. Und es unterstellt das sich diejenigen andernfalls nicht oder gemäßigt in die Debatte einbringen würden. Das ist ein gravierendes Missverständnis der Blogs, von Twitter und in Foren. Wenn sich dort oder darüber jemand anonym oder unter Pseudonym äußert, nimmt ein Recht wahr, das ihm ohne Netz nicht zur Verfügung stand: Das Recht freier Meinungsäußerung ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wenn es das Netz erlaubt, sich anonym zu äußern, wird Vorratsdatenspeicherung erlauben den Anschein der Anonymität im Nachhinein zu lüften. Und auch deshalb, zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Vertreter indirekter Demokratie, hat Sigmar „Siggy Pop“ Gabriel und eine Vielzahl mehr oder weniger verdienter Spitzenpolitiker meiner glorreichen Freiheit liebenden Partei auch 2011 noch Vorratsdatenspeicherung als alternativlos für Alles erklärt und sich damit eines möglichen Wahlsieg 2013 beraubt.

Wer sich das „Recht“ anonymer Meinung heute heraus nimmt, wird oft allein deshalb diskreditiert oder nicht ernst genommen, egal wie zutreffend oder ernsthaft die Eingabe gemeint ist. In meiner Partei beispielsweise pflegt man die Diskussion in der Lokalpresse genau zu beobachten, und offenkundig von Parteimitgliedern lancierten Kommentare in schöner Regelmäßigkeit als Unding zu geißeln. Das die selben Personen in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen haben in Vieraugengesprächen ihre Anonymität zu beanspruchen – wodurch das Ergebnis von Abstimmungen und Wahlen Leser früher bekannt war als der eigenen Partei, scheint die selben Personen nicht zu interessieren.

Deutschland ist generell ein armes Land, was freie Meinungsäußerung angelangt: Wer sich auf Demonstrationen begibt, dessen Personalien werden erfasst. Wer bloggt, unterliegt Impressumpflicht, um Klagen und Abmahnungen zu erleichtern. Wer seinen Namen verschleiert, dessen Account wird auf Anfrage hin gelöscht. Wer allzu häufig seine Meinung artikuliert, gerät unter Generalverdacht, weil es der Großteil der Bevölkerung nicht macht. Diese Hemmnisse ließen sich vermutlich noch um hunderte andere Hinderungsgründe für einen deutschen Frühling ergänzen. In anderen Ländern jedenfalls gehen die Menschen unter Lebensgefahr auf die Straße, um ihre Meinung kund zu tun. In unserem Land erscheint das nicht möglich. Hier hat alles seine Ordnung.

Das nenne ich der Zukunft zugewandt.

  1. Quelle: Bewerbungsrede Sigmar Gabriel, S. 20, letzter Absatz, veröffentlicht als »Wortlaut des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel« unter »Gemeinsam für den Aufbruch« []

Jugendmedienschutz-Staatsversagen

Mittlerweile verfolge ich rund 100 Blogs, plus zahlreiche sonstige Feeds. Erstere mehr oder wenig regelmäßig und letztere nach sich bietender Gelegenheit, zeitlich oder thematisch. Normalerweise eine überschaubare Menge, aber nicht genug um sie sich alle zu merken, sodass man sie im Ausland am Terminal mal eben eingeben könnte, um Wartezeiten zu überbrücken oder das Heimweh zu bekämpfen. Die wunderbare Welt des Isotopp jedenfalls gehörte dazu, zu den Adressen die auch aus dem Gedächtnis zusammen bekam.

Heute reist die Hohepriesterin des Kinder- und Jugendschutz, Stefanie von und zu Guttenberg mit ihrem Mann an die Front, wo angeblich unsere Freiheit verteidigt wird, nach Afghanistan. Umso widersprüchlicher ist, das sie mit ihrer Sendung „Tatort Internet“ auf RTL 2 der Einschränkung unserer Freiheit hierzulande Vorschub leistet, indem sie unter dem Motto „Schützt endlich unsere Kinder!“ zwar nur Kinder und Jugendliche gefährdender Inhalte filtern möchte. Doch tritt sie damit nur in die Fußstapfen von Ursula „Zensursula“ von der Leyen, die noch Stoppschilder forderte, während die nächste Eskalationsstufe, der JMStV Mittel und Wege vorsieht, die geradezu nach allgemeiner Zensur stinken. Da ist die viel zitierte visuelle Kennzeichnung nur das Äquivalent zum Stoppschild, dahinter schlummert eine noch nicht implementierte technische Infrastruktur zur automatischen Erkennung der weitergehenden, maschinenlesbaren Kennzeichnung, Filtersoftware am Client und möglicherweise auf dem Server, Öffnungszeiten für Websites und gesalzene Geldstrafen für jeden Publizisten, privat oder geschäftlich, der sich nicht an die Regeln hält.

Wenige Blogs aus dem Gedächtnis ansteuern zu können lässt dabei keinen Rückschluss auf meine Merkfähigkeiten zu, genau so wie sich niemand mehr Rufnummern merkt, weil sie einen im Telefonbuch des Mobiltelefon immer begleiten kümmert sich der Feedreader um Aktualisierung und Präsentation, also warum sollte man sich die Adressen noch merken?

Doch die Adresse koehntopp.de kann ich getrost vergessen. In drei Wochen wird auch das letzte Statement dort aus dem Netz verschwinden, genau so wie es vom Gesetzgeber erwartet wird und den Massenmedien gewünscht ist: Vielfalt ist halt Vielen ein Dorn im Auge, und durch geballtes, auch von meiner Partei unterstütztes Jugendmedienschutz-Staatsversagen geht ein Medium, das noch bis vor Kurzem mit wehenden Fahnen als state of the art in Deutschland willkommen geheißen wurde, vom Netz und verschwindet auch aus den Archiven. Ganz ohne Grund und mit einem bitter formulierten Abschiedsbrief1. Armes Deutschland.

  1. in Auszügen: »Daher bleibt mir nur die Konsequenz, die Regeln für Internet-Startups auch auf meine eigenen Inhalte anzuwenden: „Nicht in Deutschland, nicht in deutscher Sprache und nicht für Deutsche.“ Daher sind meine bisherigen Inhalte bis auf weiteres offline, und falls ich noch einmal irgendwas mache, dann in einem Land, das Zukunft hat. Nicht Deutschland.« []

Sommerpause

Aldi-Gründer Theo Albrecht ist verstorben, TSV 1860 München Präsident a.D. Karl-Heinz Wildmoser auch, 152 Menschen sterben bei einem Flugzeugunglück in Pakistan. Gegen den Veranstalter der Loveparade werden Vorwürfe erhoben. In Lothar Matthäus schenkt seiner Frau Liliana neue Brüste, Raul Gonzalez wechselt vom Real Madrid zum Schalke 04 und Diego Armando Maradonna hatte kein gutes Händchen bei den Vertragsverhandlungen um seine Karriere als Nationaltrainer von Argentinien. Dafür trinken die Deutschen zu viel Alkohol und kämpfen um den blauen Dunst, leben einer Studie zufolge zufriedener mit guten Freunden an ihrer Seite, aber lassen sich von der Psyche ins Krankenhaus domptieren. Apple, so wird behauptet, könne mehr als das iPhone und General Motors verkauft sein neues Elektroauto zum astronimischen Preis von über 30.000 Euro. Last but not least: Katalanien verzichtet fortan auf barbarische Stierkämpfe und für Barbarei und der Mord an Siegfried Buback durch die RAF kommt vor Gericht.

All das waren „Meistgeklickte“, jene Nachrichten die die Nutzer von Google News durch Klick zu ihren Favoriten küren. Dem gegenüber steht eine Nachricht mit politischem Bezug, die aber auch dem aus der Bunten hätte sein können: »Wilhelm-Abschied: Der Zen-Meister der Berliner Republik geht« (BILT) Sommerpause ist herrlich.

JuLi Hymne kostenlos als MP3 herunterladen

Dies ist keine Empfehlung. Die jungen Liberalen haben sich eine eigene Hymne getextet und vertont, und als MP3 zum bereitgestellt. Wer sich den Song anhört, sollte sich Guido Westerwelle dazu denken, wie er im Brustton »Wir sind jung und liberaaaal ..« trällert, dann wirkt der Song plötzlich authentisch. Wer sich das nicht antun will, kann wahlweise auch ein YouTube-Video von Westerwelle stumm geschaltet mitlaufen lassen.

Genese einer Debatte zur Wehrpflicht

Da war es so weit: zu Guttenberg tut mir leid, er denke laut FAZ anläßlich des unsinnigen Festhaltens seiner Partei an der Wehrpflicht über Rücktritt nach.

Mal sehen wohin sich die Diskussion um die Wehrplicht noch entwickelt. Das nur noch ein Bruchteil eines Jahrgangs zum Wehrdienst herangezogen wird, läßt allein aus der Begriflichkeit Wehr“pflicht“ eine Farce werden.

Damit nicht in Zusammenhang steht übrigens folgende Nachricht: „Keine Bundeswehr-Werbung mit Gogo-Girls“ Welt Online). Da muss Google wohl nochmal Hand an Cafeine legen.

Zurückgetreten ist zu Guttenberg bekanntlich trotzdem nicht. Und die Wehrpflicht gibt es immer noch.

JUbelperser: Angry about „Angie“

Vor Jahren zitierte Edmund Stoiber Angela Merkel an seinen Frühstückstisch, entriss ihr die Spitzenkandidatur und unterlag ähnlich peinlich wie sein politischer Ziehvater. Vier Jahre später düpierte Gerhard Schröder in der Elefantenrunde die denkbar knappe Wahlsiegerin Merkel und holte für seine Partei einen Verhandlungsvorteil heraus. Weitere vier Jahre später ist die einst glorreiche Union auf 35 Prozentpunkte abgerutscht, doch jenseits der 30 Prozentpunkte scheint das nur der Jugend in der Union nahzugehen. Denn nur ansonsten als JUbelperser bekannten Jungunionisten feierten den ehemaligen Kanzlerkandidaten Stoiber, und sind verärgert über Merkel. Wohin treibt die CDU/CSU erst, wenn sich die Umfragewerte in den kommenden vier Jahren der Legislaturperiode der 30 Prozentpunkte-Markte nähern.

CDU-TV: ZDF aka CDF

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Aus gegebenem Anlass.

(via)

Parallelwelten

Die Fahnen schwenkenden Genossinnen und Genossen an den Infoständen der SPD in Hessen und im Bund dies Jahr beschieden Mainstream-Medien Mut aus Verzweifelung, niemand in den Redaktionsbüros rechnete nach dem Jahr Hatz auf die Partei in Hessen oder nach elf Jahren zuletzt völlig geräuschloser Regierungsbeteiligung einen Wahlsieg. Anders als Schäfer-Gümbel, der sich dem Wähler in der Kürze der Zeit zwar bemühte mit Hessen vertraut machen konnte, war Steinmeier als Aussenminister in Deutschland ein Unbekannter, beiden stand eine ungeheure, nie dagewesene Maschinerie zur Verfügung, seitens der Partei, ihrer Funktions- und Mandatsträger, nicht zuletzt der Parteibasis und einer Agentur mit wachem Geist. Alldas konnte uns Genossen zumindest den Wahlkampf erträglich machen – anders als beispielsweise Jürgen Walter seinen Schützling Gerhard Bökel 2003 in einem Bus von der Aussenwelt geschützt durch Hessen fuhr, als seien sie Touristen, und mit Plakaten vom Charme einer Kleinanzeige. Doch nicht nur wir Genossinnen und Genossen lebten in der kurzen Phase bis zur unerbittlichen Niederlage in einer Parallelwelt.

Vereinzelte Journalisten beteiligten sich in den vergangenen Jahren maßgeblich an einer nie dagewesenen Hetze auf die einzige wahre Volkspartei1, aufgrund ihrer allgemeinen Schreibe angesehene Qualitätsjournalisten wie Giovanni di Lorenzo, der Ministerpräsidentinkandidatin Ypsilanti politisch vogelfrei erklärte und dem jüngst neue Weihen zukamen, oder Volker Zastrow, der Autor der – vorläufig endgültigen – Reinwaschung der Parteiheiligen Dagmar Metzger „Die Vier: Eine Intrige“. Manchmal vermengen sich die Parallelwelten auch, so lud beispielsweise jüngst das aus der SPD ausgegründete Kulturforum der SPD Zastrow zur Lesung ein, mit anschließender Diskussion. Zastrow genießt seinen Nebenerwerb auf Kosten der SPD, indem er seinen Namen fortlaufend in Zusammenhang mit der SPD in Erinnerung bringt, so beispielsweise gestern wieder – schließlich ist ja bald Weihnachten.

»Jagd auf Dissidenten« ist das neuste Machwerk übertitelt, und warum ich glaube das Herr Zastrow und seine Kollegen in einer Parallelwelt leben, will ich kurz darstellen:

Hätte Volker Zastrow noch etwas mit der Veröffentlichung gewartet, hätte er die Bundestagswahl und das Weihnachtsgeschäft verpasst. Nach der Niederlage mit Ansage, vollführt mit tatkräftiger Hilfe seitens veröffentlichter Meinung, hätte sich niemand mehr für sein Weltbild interessiert, weil man mit Wiederaufbau der SPD beschäftigt gewesen wäre. So aber ist mehr Zwietracht denn je gesäht, und auch jenseits der 19% „Forsa-Wert“ sehen Zastrow und Konsorten wohl noch Spiel.

  1. wahre Volkspartei weil sie ihre Finanzen nicht zu einem erheblichen Teil ausweislich der Rechenschaftsberichte nicht aus „jüdischen Vermächtnissen“ oder von Großindustriellen speist, sondern von den Einzelspenden und Mitgliedsbeiträgen []
  2. zur Suche empfiehlt sich bspw. „Ypsilanti Zastrow“, „Stegner Zastrow“ oder „Beck Zastrow“ auf der Website der FAZ []
  3. Redaktionsdeutsch für „keine Schlagzeile wert“ []
  4. PartG §14 Parteischiedsgerichte []