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Berichterstattung in der Causa Tauss

Nach einer Diskussion zu medialer Vorverurteilung durch Massenmedien am vergangenen Pfingstwochenende habe ich die Berichterstattung der Mainstream-Medien nochmal genauer ins Visier genommen, und bin auch sehr froh um Berichte, denen man anmerkt, das sie nicht auf der Suche nach irgendeiner Sensation verfasst wurden. Und wenn man sich einmal Berichte einiger freier Prozessbeobachter liest, bemerkt man erst wie diametral unterschiedlich Berichte ausfallen können, wenn man nur an der Schlagzeile interessiert ist, Redaktionsschluss pressiert und welchen Einfluss Stellungnahmen staatliche Organe auf den Journalismus haben. Da wird beispielsweise der Aufbewahrungsort “Schlafzimmer” für Material genannt, ohne zu erwähnen das die Wohnung nicht über ein Wohn- oder Arbeitszimmer verfügt. Wenn Qualitätsjournalismus tatsächlich so aussieht, wie hier skizziert wird, ginge es der Presse noch viel zu gut.

“Völlig neues Medium” Internet

Zehn Jahre und länger sparte man bei den Leistungsträgern der Branche, bei den Journalisten.

Vorläufige Höhepunkte dessen sind die Zusammenlegung einzelner Ressorts in Zentralredaktionen oder die Zusammenstellung sogenannter Mantel für mehrere regionale Presseerzeugnisse.

Als Resultat dessen liest man in vier Wirtschaftsmagazinen vier Mal den selben Artikel, von Meinungsvielfalt kann da keine Rede mehr sein. Oder Lokalnachrichten werden von einem hundert Kilometer und mehr angereisten Journalisten erstellt, dessen Redaktion bei fehlendem Nachrichtenwert eben auf eine Pressemitteilung im O-Ton zurückgreift und/oder somit auf eine Berichterstattung verzichtet. Oder Journalisten sehen dank “total buy-out” ihre Arbeit in der ganzen Verlagsgruppe vervielfältigt, und dabei nur einmal entlohnt. Oder die eine “Kostenloskultur” herbeischreibenden Unternehmer bedienen sich im Internet selbst, indem sie frei verfügbares Material ohne Quellenangabe und/oder Genehmigung vervielfältigen. Oder man publiziert gleich gänzlich kostenlos über das Internet oder in Form kostenloser Presseerzeugnisse, und wo Journalismus nur über Werbung gegenfinanziert wird, wird er nicht nur anfällig für Einbrüche im Anzeigenmarkt, anfällig für Wünsche und Bedürfnisse von Anzeigenkunden, sondern ist auch den fallenden Anzeigenpreisen ausgeliefert.

Ökonomische Exzesse im Sinne gewinnorientierter Verleger sind in der vom Grundgesetz verankerten Presselandschaft längst Regelfall, und das obwohl im Internet seit über einem Jahrzehnt in den verschiedensten Bereichen munter Geld verdient wird und ausweislich einer neuen turnusmäßig veröffentlichten Studie im Jahr 2009 gerade mal 3 von 10 Menschen das Internet noch nicht als ihr Leitmedium begreifen.

Was fällt den Verlagshäusern dazu ein? Lassen wir doch einmal Christoph Keese vom Axel Springer Verlag zu Wort kommen:

Das ((“das Internet”)) ist ein völlig neues Medium, das aufgebaut wurde.

Mit diesem und zahlreichen anderen Worthülsen ist Herr Keese nicht der einzige Interessenvertreter einer neuen Bezahlkultur, auch seine Kollegen aus den Chefetagen ehedem angesehener Verlagshäuser sind dabei ihre hastig gestrickten Bezahlmodelle, Zugriffsbeschränkungen – bis hin zum neu aufgestellten Zugangserschwerungsgesetz, und Prototypen im profitablen Weihnachtsgeschäft schnell noch unter die Leute zu bringen und in der gewinnbringendsten Jahreszeit zu erproben. Garniert werden diese Bemühungen vom dem einen Rahmen gebenden Leistungsschutzrecht für die Presse, mit dem die neue Bundesregierung derzeit belagert wird und im neuen Jahr eine neue Einfalt einleiten wird.

In der Folge werden sich Blogger abwenden, und Google News das einzige verlinkende Medium bleiben, das noch auf die Bezahlinhalte verlinkt. Dann allerdings könnte sich ein neuer Wettbewerb entfalten, und zwar um die übrig bleibenden Klicks, also die wenigen übrigen kostenlosen Quellen unter Google News, denn eines wurde bereits vom Suchmaschinenanbieter angekündigt: Man wolle sich gern an den Bemühungen zur nutzungsabhängigen Finanzierung beteiligen, aber man stellt es auch jedem Angebot frei, wie viele freie Klicks auf die jeweiligen Portale erlaubt sein werden. Und niemand weiß besser als Google, das Klicks auf unbrauchbare weil eingeschränkt nutzbare Inhalte schnell der letzte Klick sein können, und der nächste Artikel ist eben nur einen Klick entfernt.

(via)

Der publizistische Selbstmord

Zugegeben, der Artikel ist ausdrücklich als Kommentar gekennzeichnet, aber auch als solcher unter der Würde freier Presse.

Die Rede ist von “Der politische Selbstmord des Matthias Platzeck", indem ein gewisser Uwe Müller, einer der “30.000 bis 40.000” Freien beim “gehobenen” “Die Welt” vom Axel Springer Verlag, einem längst zur Routine verkommenen Beißreflex gegen Die Linke im Allgemeinen, einer Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten im Speziellen nachgibt.

Artikel wie dieser scheinen dermaßen einstudiert zu sein, es wäre technischer Unzulänglichkeit geschuldet unserer Denker geschuldet, wenn Textroboter demnächst Probleme hätten derartiger Pamphlete vollautomatisch zu erstellen und damit auch Müller und einen Großteil der “30.000 bis 40.000” Freien endgültig überflüssig zu machen.
Im vergleichsweise einfachen Englisch, auf Ergebnisse reduzierbaren Sportjournalismus gelingt das ja bereits, warum nicht auch hier.

Müller und die “30.000 bis 40.000” Freien werden dann nur noch zu günstigeren Konditionen Textbausteine aufbereiten, die dann vom “Kollegen Computer” in atemberaubender Geschwindigkeit zu Artikeln, Kommentaren und Reportagen aufbereitet und schließlich für den 5. und folgenden Klick bei Google News für teures Geld unters gleichgeschaltete Volk gebracht werden.

Wer hier Häme gegenüber der Leistung von Herrn Müller, seinen “30.000 bis 40.000” Kollegen herausliest, ist auf dem Holzweg. Gleiches gilt diejenigen die meinen hier würde wieder “nur” ein Blogger “Die Welt” Leser abzuqualifizieren versucht, denn die wenigsten Leser einer Tageszeitung interessieren sich für tiefergehenden Interessen von Verlegern und deren Anteilseigner, sondern wollen von ihrem bevorzugten Presseerzeugnisse  ihrem Grundgesetzlich zugesicherten Recht auf Meinungsfreiheit und Bildung nachkommen.

Doch die Autoren haben eben kaum noch Einfluss auf Themen, deren Relevanz und nicht zuletzt die Textmengen, hier erklingt das erste und letzte Worte aus den Redaktionssitzungen, in denen Anteilseigner Redaktionsleiter, –assitenz und Ressortleiter “brieft”, was man gern lesen, sehen und – zumindest im Netz – hören will.

“Der politische Selbstmord des Mathias Platzeck” war der Ideengeber für meinen Titel und ist zugleich symptomatisch für das gegenwärtige Verlagswesen als fünfte Macht im Land, was mehr Machtmissbrauch gleichkommt und mit dem Geist des Grundgesetz im Sinne des Marktes Schlitten fährt.

Publizistischen Selbstmord begehen die Verleger, indem sie ihrem “30.000 bis 40.000” Mann starken Presseprekariat nicht ebenso entgegen kommen wie ihren fliehenden Leserscharen, deren Zeugnis sinkende Auflagen- und Abonntenzahlen sind.

Parallelwelten

Die Fahnen schwenkenden Genossinnen und Genossen an den Infoständen der SPD in Hessen und im Bund dies Jahr beschieden Mainstream-Medien Mut aus Verzweifelung, niemand in den Redaktionsbüros rechnete nach dem Jahr Hatz auf die Partei in Hessen oder nach elf Jahren zuletzt völlig geräuschloser Regierungsbeteiligung einen Wahlsieg. Anders als Schäfer-Gümbel, der sich dem Wähler in der Kürze der Zeit zwar bemühte mit Hessen vertraut machen konnte, war Steinmeier als Aussenminister in Deutschland ein Unbekannter, beiden stand eine ungeheure, nie dagewesene Maschinerie zur Verfügung, seitens der Partei, ihrer Funktions- und Mandatsträger, nicht zuletzt der Parteibasis und einer Agentur mit wachem Geist. Alldas konnte uns Genossen zumindest den Wahlkampf erträglich machen – anders als beispielsweise Jürgen Walter seinen Schützling Gerhard Bökel 2003 in einem Bus von der Aussenwelt geschützt durch Hessen fuhr, als seien sie Touristen, und mit Plakaten vom Charme einer Kleinanzeige. Doch nicht nur wir Genossinnen und Genossen lebten in der kurzen Phase bis zur unerbittlichen Niederlage in einer Parallelwelt.

Vereinzelte Journalisten beteiligten sich in den vergangenen Jahren maßgeblich an einer nie dagewesenen Hetze auf die einzige wahre Volkspartei ((wahre Volkspartei weil sie ihre Finanzen nicht zu einem erheblichen Teil ausweislich der Rechenschaftsberichte nicht aus “jüdischen Vermächtnissen” oder von Großindustriellen speist, sondern von den Einzelspenden und Mitgliedsbeiträgen)), aufgrund ihrer allgemeinen Schreibe angesehene Qualitätsjournalisten wie Giovanni di Lorenzo, der Ministerpräsidentinkandidatin Ypsilanti politisch vogelfrei erklärte und dem jüngst neue Weihen zukamen, oder Volker Zastrow, der Autor der – vorläufig endgültigen – Reinwaschung der Parteiheiligen Dagmar Metzger “Die Vier: Eine Intrige”. Manchmal vermengen sich die Parallelwelten auch, so lud beispielsweise jüngst das aus der SPD ausgegründete Kulturforum der SPD Zastrow zur Lesung ein, mit anschließender Diskussion. Zastrow genießt seinen Nebenerwerb auf Kosten der SPD, indem er seinen Namen fortlaufend in Zusammenhang mit der SPD in Erinnerung bringt, so beispielsweise gestern wieder – schließlich ist ja bald Weihnachten.

»Jagd auf Dissidenten« ist das neuste Machwerk übertitelt, und warum ich glaube das Herr Zastrow und seine Kollegen in einer Parallelwelt leben, will ich kurz darstellen:

Hätte Volker Zastrow noch etwas mit der Veröffentlichung gewartet, hätte er die Bundestagswahl und das Weihnachtsgeschäft verpasst. Nach der Niederlage mit Ansage, vollführt mit tatkräftiger Hilfe seitens veröffentlichter Meinung, hätte sich niemand mehr für sein Weltbild interessiert, weil man mit Wiederaufbau der SPD beschäftigt gewesen wäre. So aber ist mehr Zwietracht denn je gesäht, und auch jenseits der 19% “Forsa-Wert” sehen Zastrow und Konsorten wohl noch Spiel.

Atomzahlalter

Wir schreiben das Jahr 2009. Zigtausende Journalisten nagen am Hungertuch und Autoren nicht Bestseller fähiger Werke leben in Armut, gleichzeitig sacken Auflagen von Tages- und Wochenzeitungen immer weiter ab, und die Musikindustrie lebt längst besser durch Abmahnungen von Tauschbörsennutzern als vom ursprünglichen Werk – jedenfalls long tail. Gemeinsam gehen Verlage, Verleger, Autoren und Journalisten jetzt gegen diejenigen zu Feld, die ihre Werke in Auszügen – sogenannten Zitaten – wiedergeben und weiterempfehlen, den sogenannten Blogger, die wiederum in der Regel überhaupt nichts für ihren Einsatz erhalten, als manch netten Kommentar bekommen. Allen voran genannten ist gemein, das sie digitale Produkte abliefern, aufbereiten und darbieten, die in den meisten Fällen anstatt wie in der analogen Welt am Stück in kleinen Häppchen serviert und kassiert werden könnten. Kaum noch jemand will sich in schwierigen Zeiten neuen regelmäßigen Zahlungsverpflichtungen hingeben, vielmehr werden unnötige Ausgaben gespart, ferner sind bei Zeitungen, Magazin und Compilations nur ein Bruchteil für den Konsumenten interessant, einen gewissen Teil zahlt er darum ohne Nutzen. Dabei gab es bereits vor über zwanzig Jahren – kurz nach dem Atomzeitalter – das Atomzahlalter. Innerhalb BTX war das auch einfach, denn beide Vertragspartner standen in jedem Fall fest. Der Annehmende musst seinerzeit nur mit 19 seine Kaufabsicht quittieren, und zahlt den angezeigten Betrag über seine Telefonrechnung. Mit 2 lehnte er ab, und ein rechtsgültiger Vertrag kam nicht zustande. Was im Internet noch fehlt, ist ein Paymentprovider, der die sprichwörtlichen Cent-Beträge einfach abzuwickeln im Stande ist, einfach im Sinn von Usability und Schnittstelle zwischen Anbieter und Paymentprovider gleichermaßen. Wer so ein System anbietet, das noch zudem weltweit akzeptiert wird, eröffnet das Atomzahlalter neu.

Unabhängig von diesem vorab erstellten, automatisch veröffentlichten Beitrag habe ich gestern und heute eine interessante Entdeckung, carta.info rief nämlich zur Diskussionrunde des mir bis dahin etwas abstrakten “Leistungsschutzrechts für Presseerzeugnisse”, für die Befürworter nahm ein “Verhandlungsteilnehmer” vom Axel Springer Verlag hieran teil. Mal abgesehen davon, das man darin erfährt das Presseerzeugnisse wie »Die Welt 30.000 bis 40.000 freie Autoren« zählt, und “Die Welt” jeden Tag etwa 200 Artikel zusätzlich zum vollständigen Inhalt der Printausgabe bereitstellt, bleibt nur ein Fazit, nämlich das der Vertreter der Mainstream-Medien hier wohl vorführt wie verengt doch das Wahrnehmungs- und Visionsspektrum der Presse im Netz auch 15 Jahre nach der Kommerzialisierung des Internet einerseits ist, und wie konkret andererseits Feindbild und zugleich Wunschpartner (Suchmaschine Google) sowie das Monetarsierungsmodell (one click-Modell; “weil der Nutzer bei Google News ja schon einen Klick getätigt hat und ansonsten verloren wäre”) ist. Wenn man das so hört, was der werte Vertreter der Holzmedien da so von Premium schwärmt, wenn er bei seinem nicht unwesentlichen Gehalt eine wegen eines Termins verpasste Stromberg-Folge nachholt und zugleich – selbstredend zum doppelten Preis – die Folge der kommenden Woche “vorschaut”, und das dann vom Entertainment-Sektor auf das vom Grundgesetz garantierten Recht auf freie Meinung, auf die sich Presseorgane natürlich bauen, laufen mir kalte Schauer den Rücken hinunter.

Wortbruch, der (vom engl. bullshit): populistische Irreführung durch veröffentlichte Meinung und konservative Politik zum Zwecke der Revision linker Wahlsiege

Würde das Unwort des Jahres 2008 in ein Wörterbuch aufgenommen, würde sich folgende Definition aufdrängen:

Wort|bruch, der (vom engl. bullshit): populistische Irreführung durch veröffentlichte Meinung und konservative Politik zum Zwecke der Revision linker Wahlsiege

Beinah zwei Jahre sind vergangen, seit der Souverän in Hessen zwischen einem und hunderten Wahlversprechen eine Entscheidung traf. Damals hievten etwa 5 Prozent der Wählerinnen und Wähler die fünfte Partei ins Wiesbadener Parlament, an ihr vorbei führte damit kein Wahlversprechen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen. Denn die damals noch allein-, nunmehr nur noch mitregierende hessische CDU dachte garnicht daran, Roland Kochs Versprechen, Dienstleister des Parlaments zu sein, einzulösen. Wieder so eine arglistige Täuschung von dem Ministerpräsidenten, dem seine lange Nase nicht immer den richtigen Riecher lieferte, denn mit seiner ausländerfeindlichen Hetze im Wahlkampf 2007 bediente er zwar abermals jene rechtskonservative Klientel, die an die Wahlkampfstände der CDU kamen, um »gegen Ausländer unterschreiben« zu können, aber seine Kampagne gegen »Ypsilanti, Al Wazir und die Kommunisten« zog fernab des Ultrakonservativen kaum Wähler an, jedenfalls nicht genug um dem lang unterschätzten Gegner und sein durchdachtes Projekt aus sozialer Gerechtigkeit, visionäre Energiepolitik und Bildungsgerechtigkeit Paroli bieten zu können. Vielmehr machte ihm die Öffentlichkeit gerade in dem Moment einen Strich durch die Rechnung, als sie von der veröffentlichten Meinung befeuert gegen kriminelle Ausländer in Marsch gesetzt werden sollte. Jenes vorschnell als “Phantasterei” abgestempelten Regierungsprogramm nur an verrauchten Stammtischen und auf nordhessischen Marktplätzen zu zerreden reichte plötzlich nicht mehr, auf den Mattscheiben goss man sinnentleerte Scheindebatten um Machbarkeit einerseits, und Ministerabilität von Ypsilanti andererseits auf, und entzündete zugleich den bekannten xenophoben Sprengsatz auf dem Rücken von Minderheiten. Doch immer mehr erklärten sich bereit, Ypsilanti die Chance zu geben und zugleich Koch abzustrafen.

Zuletzt mussten der hessischen SPD wieder aus den eigenen Reihen, namentlich Wolfgang Clement, Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, um den Lauf der Linken Einhalt zu gebieten. In Form einer um Argumente entleerten, dafür umso prominenter platzierte Kollumne des ehemaligen Superministers von Schröders Gnaden. Ausgerechnet in einem der drei zentralen Politikfelder, der Energiepolitik, griff Clement seinen Widersacher Scheer eine Woche vor dem Wahltermin an. Darüber zu spekulieren, wie viele Stimmen allein das Geschwätz jenes schwergewichtigen Politzombies gekostet hat, ist müßig, vor allem weil die dadurch geweckten Zweifel an und die medial allgegenwärtigen Diskussion über die Kollumne ein Vielfaches dessen ausgemacht haben dürfte. Dem über ein halbes Jahr hinweg von allen hessischen Sozialdemokraten vertretenen politischen Projekt haftete dank dieser Kampagne von da an ein Hauch Unglaubwürdigkeit an. Und wer eine Kampagne, wenn auch eine zum größten Teil unterbewust vernetzt funktionierende, in Abrede stellt, ist entweder naiv, hat eine verzerrte Wahrnehmung oder lügt bewust.

Genau ein Jahr ist seit dem denkwürdigen 3. November vergangen. Hunderte politische Analysen sind seither verfasst worden eine ein ganzes Buch schwer. Alle halbwegs objektiven Betrachtungen kommen zu einem die vier “Aufrechten” entlarvenden Urteil, und trotzdem beschwört mancher – vielfach nicht ganz uneigennützig – die Formel vom “Wortbruch”, allerdings mit schwindender Wirkung.

Retrospektive #8 Jahrgang 1

Google Boo… Bücher wird Chefsache

Nachdem bereits Bundesjustizministerin Brigitte Zypries Partei für unser hiesiges Verlagswesen Partei ergriff, erklärt Kanzlerin Merkel die Verteidigung der Rechteinhaber nunmehr zur Chefsache. Google stufte Status und Sachverstand der Kanzlerin richtig ein, und beauftragte lediglich Justitiar David Drummond für das Unternehmen eine Stellungnahme abzugeben, in der abermals klargestellt wurde das in Deutschland eben keine urheberrechtlich geschütztes Material in Europa eingescannt würde. Wem Google Books kein Begriff ist:
Im Auftrag des Suchmaschinenanbieters arbeiten sich flinke Finger Regalmeter um Regelmeter durch die Weltliteratur, um die so erfassten Werke Jedem auch ohne den Besuch einer Buchandlung, einer Bücherei oder eines Antiquariates auf wenige Klicks hin zugänglich zu machen – wohlgemerkt in Ausschnitten. Dabei versieht Google seiner Philosphie folgend Werke mit einer Navigation, bietet neben den durchsuchbarem Inhalt also auch noch einen einfachen Zugriff über Inhaltsverzeichnis respektive Index. Google bücher selbst beziffert seinen Bestand auf »etwa sieben Millionen Bücher«, hierunter ein Großteil sogenannte vergriffene Bücher. Auf diese Kategorie, sowie nicht mehr urheberrechtlich geschütztes Material können es Verlage und Verfasser kaum abgesehen haben, schließlich läßt sich mit Büchern die weder im Handel sind noch eine Chance auf einen Nachdruck oder neue Auflage haben kein Euro-Cent verdienen, und doch machen sie der Selbstdarstellung des Dienstes den Großteil des Bestandes aus. Das Geheul der Verlagshäuser, das nunmehr zur Intervention "der Chefin" Merkel geführt hat, ist demnach auf Werke zurückzuführen, die in den Auslagen der großen Buchhändler oder im Onlinehandel zu beschaffen sind. Gerade die zwischen diesen Buchdeckeln geklemmten Seiten sind aber in der Regel vom Verlag oder Verfasser nicht für eine Vorschau auch nur in Bruchstücken vorgesehen, einzelne andere Bestseller wurden in der Vorschau um entscheidende Seiten gekürzt, sind also unbrauchbar. Das Geschrei einer weiteren dahinsiechenden Branche mit besten Kontakten in die Politik war also wieder einmal lauter als der vielstimmige Lobgesang aufgrund des Nutzens, denn für den potentiellen Leser, der im Zweifelsfall nach ein paar Seiten am Monitor ohnehin kleinbeigibt und ein hunderte Seiten umfassenden Hardcover lieber hat als den Monitor, und lieber blättert als klickt, ergibt sich was im stationären Handel ganz selbstverständlich ist, nämlich nicht mehr die Katze im Sack kaufen zu müssen – und zwar über Händlergrenzen hinweg.

Lukrativer Groß- und Onlinehandel mit Büchern

Gerade läuft in Frankfurt die alljährliche Buchmesse, und was noch mehrere Hallen der Frankfurter Messe beansprucht könnte demnächst deutlich kompakter angeboten werden. Nicht etwa aufgrund fortschreitender Digitalisierung, sondern vielmehr durch die Geschäftspolitik des Großhandels. Vor der Eröffnung des Frankfurter Hugendubel jammerte der Frankfurter Buchhandel in der Rundschau und beim Hessischen Rundfunk. Das mag fünfzehn, zwanzig Jahre her sein und manchem Verlag war der gebündelte Abverkauf willkommen. Gleiches galt beim Markteintritt der Onlinebuchhändler. Doch was jetzt in Fefes Blog für Machenschaften wiedergegeben werden, schweißt den traditionellen stationären Buchhandel und Verlage vielleicht wieder zusammen: Großhändler präsentieren Bücher gegen Bares. Horrende Beträge von 15.000 Euro für eine Präsentation im Weihnachtsprospekt,  herausgehobene Empfehlungen des Monats sollten dem Verleger 50.000 Euro wert sein, wenn er sein Buch ordentlich präsentieren will.

Kollaborative Kollateralschäden

Gerade kollaborativ verfasste Werke, OpenSource und Creative Commons lizenzierte Inhalte, sollen Schwachstellen Einzelner etwa “durch Weisheit der Vielen” ausschließen. Gerade OpenOffice mit seinen zahllosen Schwachstellen demonstrierte in der jüngeren Vergangenheit aber, das dies nicht immer wirkt. Wikipedia, frei organisierte Enzyklopädie, erlebt momentan ihren ersten Sturm aus Scheiße aus der Community:
»Für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar: Die Relevanzhürde.« untertitelte die Redaktion das Bild eines eine Hürde überwindenden Kaninchens, in ihren Augen Sinnbild für das eine Prozentpünktchen Wichtiger, Mächtiger, eben Enzyklopädie-relevanter Personen.

Du bist Irrelevant!

Wir werden alle sterben! Nicht an H1N1, aber eher an von Mainstream-Medien verbreiteter Panik. Die liefen sich dann auch letzte Woche warm, beim ersten nachgewiesenen H1N1 Todesfall. Dabei muss das Virus deutlich aufholen, wenn es die alljährliche Grippeepidemie wenigstens einholen soll.
Dazu passend auch eine weitere brisante Nachricht zum Thema:
Amts- und Würdenträger, Soldaten und Katastrophenschutz sowie andere im Notfall zu unser aller Rettung notwendiges Personal bekäme einen eigenen, verträglicheren Impfstoff. Natürlich besteht durch den Massenimpfstoff weder eine Gefahr für die Bevölkerung, noch sei an der Nachricht etwas dran. Jedoch fände ich es nur konsequent, wenn unsere “Elite” mit ‘nem besseren Stöffchen versorgen will, immerhin müssen Merkel und ihre Vollstrecker ja einsatzbereit bleiben, für den Fall der Fälle das Krisen ausgesessen, über Jahre hinweg totberaten oder durch wirkungslose Maßnahmen bespaßt werden müssen.

Falsche Zeit, falscher Ort

Bahnhofs- und Zugtoiletten haftet kein guter Ruf an, immerhin scheint sich die Qualität des Toilettenpapier zu verbessern: 400.000 Euro fand ein Rentner vor drei Jahren auf einer Zugtoilette, wo im Zweifelsfall das Papier alle oder der Schotter eher unter dem Fallrohr liegt.((Donnerbalken ähnliche Zugtoiletten, die Fäkalien auf den Schotter entsorgen, sind auch im Frankfurter Hauptbahnhof immer noch zu beobachten.)) Weil nunmehr drei Jahre niemand Ansprüche angemeldet hatte, kommt es nun den ehrlichen Finder und der Bahnhofsmission zugute.

Dazu passend auch eine weitere brisante Nachricht zum Thema:
Wäre ich im April 2005 nur im Irak gewesen. Sicherlich, der Irak ist ein heisses Pflaster. Aber auch lukrativ. Denn es scheint kein April-Scherz, sondern tatsächlich passiert zu sein: UN stellt im Rahmen eines Hilfsprogramms Gelder bereit. USA fliegen das Bargeld in drei prall gefüllten Hubschraubern vom Typ Blackhawk durchs Land. USA übergeben einem kaum geprüften Kurier die Bündel 100 US-Dollar Noten. 1,5 Milliarden US-Dollar haben so abenteuerlich den Besitzer gewechselt.

Weitere Empfehlungen

Retrospektive ist mein Format für all das, wofür ich keine Zeit hatte, aber was unter gar keinen Umständen unkommentiert bleiben darf. Retrospektive erscheint in loser Folge, zu willkürlichen Zeitpunkten, ein Anspruch auf eine Retrospektive entsteht dem Leser hierdurch nicht. ;-)

Mainstream-Medien entdeckten Provinzpolitik

Selten schaffen es regionale Gliederungen der SPD in die überregionale Öffentlichkeit, noch seltener dürften in solchen Fällen inhaltliche Akzente sein.

Drei Ortsvereine ((Kranichstein (in Dagmar Metzgers Unterbezirk Darmstadt-Stadt), Niederdorffelden und Hans-Martin Seipp)) und ein Unterbezirk ((Voll Kavai!)) schafften das Kunststück, zum Teil unter Bedauern der Parteibasis, zum Teil aber zufrieden mit der neuen Öffentlichkeit. Inhaltlich unterschieden sich die Forderungen kaum von denen des Dissidenten Jürgen Walter, sie fügen sich ausserdem ein in die einseitige Berichterstattung.

Erfolg einer gelungenen Pressearbeit, oder bemühen sich konservative Massenmedienum eine möglichst einseitige Berichterstattung?

Wenn sich Spiegel Online innerhalb weniger Tage plötzlich mehrmals für Provinzpolitiker interessiert, ist etwas faul. Oder handelt es sich um gezielte Berichterstattung solcher Partikularmeinungen um einen Auflage steigernden Schlagzeilenfetisch. Focus bekommt 40% seiner Besucher über Google News vermittelt, einem Aggregator hunderter Nachrichtenquellen. Wie bei den Suchergebnissen entscheidet der Besucher dort anhand Titel und Teaser ob er den Artikel lesen möchte oder darauf verzichtet. Wer sich politische Einflussnahme seitens großer, Gewinnmaximierung unterliegender Redaktionen schon nicht vorstellen kann, wird sich vielleicht eher damit abfinden, das solche Schlagzeilen absichtlich als Besuchermagnet verfasst werden. Das wiederum wäre traurig.

Bitter ist vor allem: Der SPD-Ortsverein Niederdorffelden liegt im Unterbezirk Main Kinzig, hier ist auch Dr. André Kavai beheimatet. Karvai galt immer als dem Netzwerk und der Parteirechten verpflichtet. Die waren schon vor der Spitzenkandidatur auf der Jagd nach Ypsilanti. Nach deren überraschender Nominierung gesellten sich die Mainstream-Medien dazu. Die wiederum griffen gern auf die Tiraden der Ypsilanti-Kritiker zurück.

Spiegel Online zu Gast bei Freunden, könnte man also sagen. Verkommenheit in Vollkommenheit und guter Gesellschaft könnte man es auch nennen.

Lahmende Mainstream-Medien diagnostizierten “lahmen Wahlkampf”

Mainstream-Medien wurden in den vergangenen Wochen nicht müde, den Wahlkampf im Superwahljahr als müden, lahmen Wahlkampf darzustellen. Wohlgemerkt selbst als die Parteien ihre Positionen in Programmen, und Kanzlerkandidat Steinmeier seinen Deutschland-Plan und damit inhaltliche Schwerpunkte bekannt gegeben haben.

Doch Mainstream-Medien interessiert das nicht, sie studieren lieber Fahrtenbücher ((vornehmlich die der Bundesgesundheitsministerin, obwohl zugleich Hinweis auf missbräuchliche Verwendung durch die Bundesfamilienministerin vorliegen)) und Einkaufslisten ((des Gatten der Kanzlerin)).

Während die Vorsitzende der CDU, zugleich Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der bevorstehenden Bundestagswahl, über Monate hinweg kaum blicken lies, und die Partei ihr Programm angemessen sang und klanglos kredenzte, waren gestern alle Medienvertreter Gewehr bei Fuss. Der Schaulauf der konservativen Elite unseres Parteienspektrums wurde andächtig, unterwürfig und bisweilen gelangweilt kommentiert. Von inhaltlichen Schwerpunkten war kaum eine Rede.

Denn Mainstream-Medien interessieren die nicht, sie stürzen sich lieber auf die Frisur, den Gatten oder die Abendgarderobe der First Lady.

Wirklich, ich wusste nicht, wen ich mehr bedauern sollte, an diesem Wochenende. Die greisen Stammwähler des dahinsiechenden Riesen CDU/CSU, die ergraute Parteispitze und ihre Wasserträger, oder den Wähler.

Der wertkonservative Wähler wird am Sonntag in drei Wochen keine andere Wahl haben, als entweder zu Hause zu bleiben und sich zu ärgern, oder zur Wahl zu gehen und sich zu ärgern. Ja, ich denke CDU-/CSU-Wählerinnen und Wähler sind wohl am bedauernswertesten.

Twitter-Theater

Jörg Schönenborn stellte noch am Wahlabend im Tagesschau-Blog klar, das die vermeintliche Indiskretion vorab verbreiteter Prognosen ebenso der Phantasie entspringe, wie die Nachricht darüber an sich. Bei dem verbreiteten Zahlenmaterial handele es »bestenfalls Wahltipps eines Polit-Junkies«.

Trotzdem verbreitete sich diese Gerücht wie ein Lauffeuer, ironischerweise über Twitter-Accounts privater Nachrichtenmagazine. “Sauerei”, “schadet der Demokratie”, “nicht akzeptabel” zitiert das Magazin Politiker und Wahlleiter. Noch zur Stunde berichten Mainstream-Medien, man habe inzwischen mit Twitter Kontakt auf- und alle mit den Zahlen vertrauten ins Gebet genommen.

Kurzum inszeniert man einen Skandal, obwohl man es inzwischen besser wissen müsste. Das Sommerloch scheint noch nicht vorbei, und das Twitter-Theater bei der Wahl des Bundespräsidenten Mai geht in seine Verlängerung. Man könnte meinen, wir hätten keine anderen Probleme als das gegenseitige Misstrauen von privaten Qualitätsmedien und Öffentlich-Rechtlichen.