Udo_Springfeld

Berichterstattung in der Causa Tauss

Nach einer Diskussion zu medialer Vorverurteilung durch Massenmedien am vergangenen Pfingstwochenende habe ich die Berichterstattung der Mainstream-Medien nochmal genauer ins Visier genommen, und bin auch sehr froh um Berichte, denen man anmerkt, das sie nicht auf der Suche nach irgendeiner Sensation verfasst wurden. Und wenn man sich einmal Berichte einiger freier Prozessbeobachter liest, bemerkt man erst wie diametral unterschiedlich Berichte ausfallen können, wenn man nur an der Schlagzeile interessiert ist, Redaktionsschluss pressiert und welchen Einfluss Stellungnahmen staatliche Organe auf den Journalismus haben. Da wird beispielsweise der Aufbewahrungsort “Schlafzimmer” für Material genannt, ohne zu erwähnen das die Wohnung nicht über ein Wohn- oder Arbeitszimmer verfügt. Wenn Qualitätsjournalismus tatsächlich so aussieht, wie hier skizziert wird, ginge es der Presse noch viel zu gut.

“Völlig neues Medium” Internet

Zehn Jahre und länger sparte man bei den Leistungsträgern der Branche, bei den Journalisten.

Vorläufige Höhepunkte dessen sind die Zusammenlegung einzelner Ressorts in Zentralredaktionen oder die Zusammenstellung sogenannter Mantel für mehrere regionale Presseerzeugnisse.

Als Resultat dessen liest man in vier Wirtschaftsmagazinen vier Mal den selben Artikel, von Meinungsvielfalt kann da keine Rede mehr sein. Oder Lokalnachrichten werden von einem hundert Kilometer und mehr angereisten Journalisten erstellt, dessen Redaktion bei fehlendem Nachrichtenwert eben auf eine Pressemitteilung im O-Ton zurückgreift und/oder somit auf eine Berichterstattung verzichtet. Oder Journalisten sehen dank “total buy-out” ihre Arbeit in der ganzen Verlagsgruppe vervielfältigt, und dabei nur einmal entlohnt. Oder die eine “Kostenloskultur” herbeischreibenden Unternehmer bedienen sich im Internet selbst, indem sie frei verfügbares Material ohne Quellenangabe und/oder Genehmigung vervielfältigen. Oder man publiziert gleich gänzlich kostenlos über das Internet oder in Form kostenloser Presseerzeugnisse, und wo Journalismus nur über Werbung gegenfinanziert wird, wird er nicht nur anfällig für Einbrüche im Anzeigenmarkt, anfällig für Wünsche und Bedürfnisse von Anzeigenkunden, sondern ist auch den fallenden Anzeigenpreisen ausgeliefert.

Ökonomische Exzesse im Sinne gewinnorientierter Verleger sind in der vom Grundgesetz verankerten Presselandschaft längst Regelfall, und das obwohl im Internet seit über einem Jahrzehnt in den verschiedensten Bereichen munter Geld verdient wird und ausweislich einer neuen turnusmäßig veröffentlichten Studie im Jahr 2009 gerade mal 3 von 10 Menschen das Internet noch nicht als ihr Leitmedium begreifen.

Was fällt den Verlagshäusern dazu ein? Lassen wir doch einmal Christoph Keese vom Axel Springer Verlag zu Wort kommen:

Das1 ist ein völlig neues Medium, das aufgebaut wurde.

Mit diesem und zahlreichen anderen Worthülsen ist Herr Keese nicht der einzige Interessenvertreter einer neuen Bezahlkultur, auch seine Kollegen aus den Chefetagen ehedem angesehener Verlagshäuser sind dabei ihre hastig gestrickten Bezahlmodelle, Zugriffsbeschränkungen – bis hin zum neu aufgestellten Zugangserschwerungsgesetz, und Prototypen im profitablen Weihnachtsgeschäft schnell noch unter die Leute zu bringen und in der gewinnbringendsten Jahreszeit zu erproben. Garniert werden diese Bemühungen vom dem einen Rahmen gebenden Leistungsschutzrecht für die Presse, mit dem die neue Bundesregierung derzeit belagert wird und im neuen Jahr eine neue Einfalt einleiten wird.

In der Folge werden sich Blogger abwenden, und Google News das einzige verlinkende Medium bleiben, das noch auf die Bezahlinhalte verlinkt. Dann allerdings könnte sich ein neuer Wettbewerb entfalten, und zwar um die übrig bleibenden Klicks, also die wenigen übrigen kostenlosen Quellen unter Google News, denn eines wurde bereits vom Suchmaschinenanbieter angekündigt: Man wolle sich gern an den Bemühungen zur nutzungsabhängigen Finanzierung beteiligen, aber man stellt es auch jedem Angebot frei, wie viele freie Klicks auf die jeweiligen Portale erlaubt sein werden. Und niemand weiß besser als Google, das Klicks auf unbrauchbare weil eingeschränkt nutzbare Inhalte schnell der letzte Klick sein können, und der nächste Artikel ist eben nur einen Klick entfernt.

(via)

  1. “das Internet” []

Der publizistische Selbstmord

Zugegeben, der Artikel ist ausdrücklich als Kommentar gekennzeichnet, aber auch als solcher unter der Würde freier Presse.

Die Rede ist von “Der politische Selbstmord des Matthias Platzeck", indem ein gewisser Uwe Müller, einer der “30.000 bis 40.000” Freien beim “gehobenen” “Die Welt” vom Axel Springer Verlag, einem längst zur Routine verkommenen Beißreflex gegen Die Linke im Allgemeinen, einer Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten im Speziellen nachgibt.

Artikel wie dieser scheinen dermaßen einstudiert zu sein, es wäre technischer Unzulänglichkeit geschuldet unserer Denker geschuldet, wenn Textroboter demnächst Probleme hätten derartiger Pamphlete vollautomatisch zu erstellen und damit auch Müller und einen Großteil der “30.000 bis 40.000” Freien endgültig überflüssig zu machen.
Im vergleichsweise einfachen Englisch, auf Ergebnisse reduzierbaren Sportjournalismus gelingt das ja bereits, warum nicht auch hier.

Müller und die “30.000 bis 40.000” Freien werden dann nur noch zu günstigeren Konditionen Textbausteine aufbereiten, die dann vom “Kollegen Computer” in atemberaubender Geschwindigkeit zu Artikeln, Kommentaren und Reportagen aufbereitet und schließlich für den 5. und folgenden Klick bei Google News für teures Geld unters gleichgeschaltete Volk gebracht werden.

Wer hier Häme gegenüber der Leistung von Herrn Müller, seinen “30.000 bis 40.000” Kollegen herausliest, ist auf dem Holzweg. Gleiches gilt diejenigen die meinen hier würde wieder “nur” ein Blogger “Die Welt” Leser abzuqualifizieren versucht, denn die wenigsten Leser einer Tageszeitung interessieren sich für tiefergehenden Interessen von Verlegern und deren Anteilseigner, sondern wollen von ihrem bevorzugten Presseerzeugnisse  ihrem Grundgesetzlich zugesicherten Recht auf Meinungsfreiheit und Bildung nachkommen.

Doch die Autoren haben eben kaum noch Einfluss auf Themen, deren Relevanz und nicht zuletzt die Textmengen, hier erklingt das erste und letzte Worte aus den Redaktionssitzungen, in denen Anteilseigner Redaktionsleiter, –assitenz und Ressortleiter “brieft”, was man gern lesen, sehen und – zumindest im Netz – hören will.

“Der politische Selbstmord des Mathias Platzeck” war der Ideengeber für meinen Titel und ist zugleich symptomatisch für das gegenwärtige Verlagswesen als fünfte Macht im Land, was mehr Machtmissbrauch gleichkommt und mit dem Geist des Grundgesetz im Sinne des Marktes Schlitten fährt.

Publizistischen Selbstmord begehen die Verleger, indem sie ihrem “30.000 bis 40.000” Mann starken Presseprekariat nicht ebenso entgegen kommen wie ihren fliehenden Leserscharen, deren Zeugnis sinkende Auflagen- und Abonntenzahlen sind.