Zweierlei Maß aus München

Zweierlei Maß kann man unserer Zivilisation nicht erst vorwerfen, seit vor ein paar Tagen vermisste thailändische Jungen (Fußballspieler noch zumal, und das während der Fußballweltmeisterschaft; Halleluja!). Empathie geht uns schon ab, wenn wir auf dem Weg zum Broterwerb Leute um ihr Brot betteln sehen. „Der investiert das Geld doch nur in Bier, wie der Hartz IV jeden Euro extra in Zigaretten!!1!“ ist die zeitgemäße gedankliche Reflex, den nicht wenige sogar argumentativ vorbringen, wenn das Nivea grad oder generell gering genug ist.

Die thailändischen Jungen, über deren zeitkritische Rettung aus einem Höhlensystem seit Tagen in den Medien mittels Bildstrecken, Tickern und Videoclips berichtet wird, haben eine endliche Zahl, ja wahrscheinlich sogar Namen und Gesichter. Dass die Deutschen für sie mehr Empathie entwickeln ist erstmal nicht problematisch. In seiner Gegenüberstellung der Bigotterie der letzten Jahre vergisst Matthias Drobinski aber eine wesentliche Mitschuld zu übernehmen, denn seine Zunft sorgt gerade für das asymmetrische Verhältnis unseres Mitgefühls verschiedenen Personengruppen gegenüber. Und vergleichbar sind sie: Beide sind unverschuldet in ihre Lage gekommen und von allein nicht in der Lage sich daraus zu befreien. Das wir für die zu zighunderten täglich im Mittelmeer ersaufenden Flüchtlinge, darunter sicher auch Fußball spielende Kinder, kein Mitleid empfinden ist erstmal der weitgehend ausbleibenden Berichterstattung geschuldet. Denn die verkauft sich nicht so gut: Jeder der 80 Millionen Deutschen ist für die Wasserleichen, über die man bald trockenen Fußes die Straße von Gibraltar passieren kann, ist am Tot jedes einzelnen Menschen mitschuldig! verkauft sich einfach schlechter als ein ausstehendes Happy End, und anders als bei den thailändischen Jungen, zu denen eine Vielzahl Deutscher eine ganz andere, sogar leidenschaftliche Beziehung pflegen, sind die Bootsflüchtlinge namenlose, zahllose, kriminelle Wirtschaftsflüchtlinge die unseren Wohlstand bedrohen, und ihn nicht an kuschligen Abenden am thailändischen Strand schöner machen.

Aber diese kognitive Dissonanz der eigenen Mitschuld, das unmenschliche Missverhältnis menschlicher Empathie oder das da wieder ein Journalist ein seit Jahren von den sozialen Medien diagnostizierter Unterschied in Sachen Mitleid angeprangert wird als wäre es dem SZ-Journalist erst gestern (als der Artikel eingestellt wurde) wie Schuppen von den Augen gefallen, mache ich der SZ im Allgemeinen und Matthias Drobinski gar nicht zum Vorwurf. Vielmehr das er, der den moralischen Anspruch erhebt, sich einer Moralvorstellung bedient, die nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Denn Drobinski ist von Profession Journalist, von Konfession her aber keineswegs.

Erst parliert Matthias Drobinski mit dem Zeigefinger daher, und dann nimmt er für „uns“ exklusiv Empathie in Anspruch:

Mit jedem Menschen mitleiden zu können, auch mit dem, der seine Unschuld verloren zu haben scheint, ist keine Schwäche – sondern eine wahre Stärke des Abendlands.

Als ginge das den Menschen all überall dort, wo es Menschen nicht so gut geht wie hier, ab, Mitleid für Menschen zu empfinden.

Sieht man sich sein Autorenprofil auf der Süddeutschen an verdichtet und verlagert sich der Verdacht der Voreingenommenheit weiter: Theologe, Redakteur beim kritischen Christen? Ist der publizistische Kreuzzug jetzt auch bei der SZ angekommen?

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