Höllenritt Wahlkampf, oder: Merkels Machterhalt nachvollzogen

Wer Wahlkampf macht, der redet gern darüber. Manche schreiben darüber, manchmal sogar solche aus dem „Maschinenraum“ oder dem innersten Beraterzirkel. Frank Stauss ist so einer, in Höllenritt Wahlkampf (Probelesen bspw.: letztes Kapitel) erzählt er auf unterhaltsame Weise aus einer ganzen Reihe von Wahlkämpfen.

Etwa von der Aufholjagd bei der verfrühten Bundestagswahl 2005, als unsere SPD einen zweistelligen Prozentwert zurück lag und sich Merkel am Wahlabend in der Elefantenrunde von Schröder demütigen lassen musste. Recht hat er, wenn er schreibt »Charisma ist nichts, Timing alles«, auch oder gerade wenn man an den Abend und die unwirkliche Szene in der ARD zurück denkt: Merkel wirkte damals wie heute eloquent und charismatisch wie eine Schaufensterpuppe im Konsum. Merkel hatte es in gerade einmal 5 Jahren als Vorsitzende zur ersten Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland geschafft.

Merkel hat wohl möglich die Hausaufgaben gemacht, und sich selbst die Kernfragen beantwortet, die der Politikberater Stauss dem Leser nah legt, und sie handelt demnach. »Wer bin ich – nicht?« Sie ist die Vorsitzende, also hatte sie Vorschlagsrecht für die Kanzlerkandidatur, und hat für sich erst davon Gebrauch gemacht als kein Wettbewerber mehr gefährlich werden konnte. »Was kann ich – nicht?« Sie kann nichts, also macht sie nichts, und dabei nichts falsch. Kann man machen, ist man halt Merkel. »Was will ich – nicht?« Sie wollte will um alles in der Welt an die Macht und will da auch bleiben, also nur ihre Macht ausspielen, das will sie nicht. Und so geht es weiter im Schlafwagen durch die Republik.

In Punkto Kampagnen zählt Stauss vier elementare Voraussetzungen zu deren Gelingen auf: »Integration – möglichst aller Bürger, Vision, Konfrontation – auch zur Unterscheidbarkeit, Motivation.« Und da wird es knifflig und man merkt, das Merkel über Bande spielt: Welche Vision hat die schon? Höchstens, wenn Erhalt des status quo als eine zählt. Natürlich hat sie alle Bürger zu integrieren versucht, indem sie sich zur »Kanzlerin aller Deutschen« krönte. Dennoch funktioniert das nur solang die Kanzlerin von den Medien in kritischen Fragen weitgehend wertfrei (Stichwort: Grexit und die europäische Einheit) und ansonsten entlang der jeweils herrschende Mehrheitsmeinung (Stichwort: Moratorium anlässlich Fukushima) transportiert wird.

Selbst zu Darmstadt findet sich noch eine kleine Anekdote aus Berlin in dem kompakten Werk:

Berlin eröffnet 2013 zwar keinen neuen Flughafen – na und? Die Stadt hat immer noch zwei, die offen sind, und einen dritten in Tempelhof zum Spielen für die Kleinen. Eat this, ihr Erbsenzähler aus irgendwelchen Käffern ohne ICE-Halt.

Man lernt auch etwas, etwa aus dem Werbejargon: Merkels Kugel etwa sei ein „Rapid Response Commercial“. Wir erinnern uns: Merkels CDU wollte ihre Wahlwerbung vorstellen, in der die Kanzlerin in spe mit einer Kugel jonglierte, die in den Augen der Werber vermutlich die Weltkugel darstellte und Merkel auf Augenhöhe mit Bush und Putin hieven sollte.

Und zu guter Letzt: Das der jüngst durch #forsafragen wieder in die Schlagzeilen geratene Forsa-Chef in Berlin einen Ruf weg hat, beweist der Spitzname, der ihm vorauseilt: „Gülle-Güllner“, wohl weil er sich nicht zu schade ist im Zweifelsfall auch selbst mit Scheiße zu schmeißen, trotzdem er dafür eben auch mal einen Shitstorm kassiert.

Fazit: Höllenritt Wahlkampf ist eine sehr empfehlenswerte, kurzweilige Politikbetriebsbesichtigung.

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