„Volksreporter“ im Qualitätsjournalismus

Das was der populärste kommentierte Linkdump als „ehemaliges Nachrichtenmagazin“ bezeichnet, das was sich noch heute als Qualitätsjournalsmus begreift, das was von dem einst so stolzen Wochenmagazin Der Spiegel übrig geblieben ist diskreditierte sich und seine Zunft gerade mal wieder in epischem Ausmaß in drei Akten:

1. Akt: Hochmut

Mit der selben Sprachgewalt, im selben Duktus wie die Statthalter von Axel Springer („Klowände des Internet“, „Web-Kommunisten“, …) verunglimpfte Augsteins Erben den Graswurzeljournalismus als „Volksreporter“. Die ehedem fortschrittlich-links verortete Veröffentlichung greift also zum selben Vokabular das an völkische Ideologie1 erinnert und mit dem BILT von A wie Adidas-Volkslaufschuh bis Z wie elektrischen Zahnbürste im „redaktionellem“ Umfeld zu verkaufen.

2. Akt: Fall

Dabei offenbart gerade der Artikel über vermeintlich schlecht recherchierenden sozialen Medien seine Mangel an Qualität, indem er eine Legende aus dem Langzeitgedächtnis des Schreiberling wiedergibt, oder schlicht gesagt den Leser hinters Licht führt.

3. Akt: Aufschlag

Dabei ertappt, selbst vermissen zu lassen was man dem Graswurzelzunächst bei zu vermissen behauptet wurde, also in der Generalkritik an der Recherchequalität die eigene Recherche zu Gunsten von Hörensagen zu vernachlässigen, schreibt sich der Spiegel raus: Nicht mit einer Gegendarstellung an das Netz, sondern mit einer Entschuldigung. Die ist wahrlich gut versteckt. Einerseits im Blog anstatt auf der Titelseite, andererseits in einem Satz in einer Reihe etwa zehn wohlfeil arrangierter Absätze, die das Versagen des Spiegel zu dem eines Einzelnen kleinschreiben soll: Im Titel wie im Fließtext entschuldigt sich nicht etwa der Spiegel oder die Chefredaktion, sondern der beauftragte Journalist für das Machwerk, das nicht nur durch alle Instanzen gegangen sein muss, sondern vielmehr auch die Meinung der Redaktion wiederspiegelt, betrachtet man die weitere Berichterstattung zum Thema.

Die Mär vom Volksreporter, oder Selbstkritik im SPIEGELblog
Im nebenstehenden Screenshot hervorgehoben: Die kleinlaute Entschuldigung für markige Sprüche.

In einer Gemengelage, in der Verleger und ihre Helfershelfer den deutschen Gesetzgeber erpressen, indem sie ihnen im herannahenden Wahljahr Lobbyisten auf den Hals hetzen mit dem Leistungsschutz für die Presse einen Kohlepfennig haben Angriffe auf sich selbst organisierende neue Medien schon ein gewisses Geschmäckle. Wenn aber als eines der Hauptargumente ins Feld geführt wird, gute Recherche koste gutes Geld, der aber schon bei eben jenen Angriffen auf Mitstreiter zu vermissen ist, steht es um den Qualitätsjournalismus offensichtlich schlechter bestellt als angenommen.

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  1. „Volksempfänger“, „Volkswagen“, … []

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