-314

Scheckbuchpolitik

September 8th, 2010 (514 Tage her) 4

Vorgestern gab die Bundesregierung bekannt, das sie sich von der Atomindustrie habe einkaufen lassen im SchwarzGelben Koalitionsvertrag vereinbarte Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke und hierdurch der Atomindustrie zusätzliche Gewinne im dreistelligen Milliarden-Bereich zuzusichern, wie es Großspender vor der Wahl auf den Merkzettel geschrieben haben wie es einige fossile Kernkraftwerkbefürworter in einem offenen Brief vergangene Woche in Erinnerung riefen. Trotz allen meinerseitigen Zweifeln, ob mit der Verlängerung verbunden Spenden an die Regierungsparteien verbunden sein werden, für diese Art der Politik gibt es einen einschlägigen Begriff, der nennt sich Scheckbuchpolitik.

Das jetzt Zusicherungen erfüllt werden – egal ob mit monetären Gegenleistungen verbunden oder nicht – ist gut für zukünftige Interessenträger, denn es attestiert der Regierungskoalition gute Haltungsnoten gegenüber denen, denen sie Gesetze versprechen. Wählerinnen und Wähler sind ja inzwischen leid, Versprechen vor der Wahl noch am Wahlabend gebrochen zu sehen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung insgesamt, und auf die Wahlergebnisse derer, die die Versprechen brechen – so viel ist ohne Politikstudium und mit vorliegenden Erfarungswerten gewiss. Trotzdem: Merkel und Westerwelle scheinen weniger interessiert daran, was ihnen die Wählerinnen und Wähler ins Stammbuch geschrieben haben – und ausweislich der Umfrageergebnisse des letzten Jahres immer deutlicher tun. Denn die halten deutlich weniger von einer Renaissance der Atomkraft, oder von Steuervergünstigungen für Hoteliers, oder was Seehofer nun für seine Großspender aus dem Hut zaubert. Inzwischen ist SchwarzGelb in Umfragen bei 36 Prozent gelandet, im Vergleich zu RotGrün mit 46 Prozentpunkten – bei gut meinenden Umfrageinstituten.

Nun melden sich auch noch die Stadtwerke zu Wort, die immerhin noch über die Hälfte des verkauften Stroms in Rechnung stellen, der allerdings nur zu zehn Prozent von ihnen produziert und überdies am Strommarkt für teures Geld erkauft werden muss. Die haben sogleich einen konstruktiven Vorschlag ín der Tasche, der ihrem Geschäftskonzept zugute kommen soll: Die größten CO2-Schleudern der Energieriesen sollen stillgelegt werden, in diese Lücke dann ansonsten über Nacht in Investitionsruinen verhandelwandelten Kraftwerke der Stadtwerke.

Diese Forderung stellt nun auch nicht irgendwer auf, sondern einer der den Darmstädtern ein Begriff sein sollte: Filbert ist Vorsitzender der hse AG, die gerade im Begriff ist – unter Sperrfeuer des Darmstädter IHK, der CDU und einiger anderer Interessenträger – einen atomaren Anteilseigner los zu werden, und zugleich zum nationalen Marktführer im Bereich erneuerbare Energien zu avancieren. Den schmerzlichen Schlag ins Kontor, 40 Prozent Beteiligung eines Kernenergiekonzerns machten den Ökokommerz der hse unglaubwürdig, muss der noch verkraften, und trotzdem oder gerade deswegen ist der modus operandi schon wieder ganz auf Angriff umgestellt.

Doch Filbert ist nicht zu beneiden, steht zumindest Presse-öffentlich eine ebenso betont gelassene CDU/CSU-Fraktionsspitze gegenüber, die von den Gönnern ihrer Partei gelernt hat und den Kritiker postwendend einkaufen will:

Was die Beschwerden der Stadtwerke betrifft, die ihre Investitionen gefährdet sehen, zeigte sich die Fraktionsspitze zunächst gelassen. Man werde sehen, was man für die Kritik-Führer tun könne. Zu deutsch: Man erwartet, dass die Stadtwerke mit Zugeständnissen finanzieller Art zufrieden gestellt werden können.

Quelle: Trägt die Unions-Fraktion den Atom-Kompromiss mit? in Ärger um die energiepolitische Revolution

»So funktioniert Politik heute« kann man Pofalla & Co. vor dem inneren Ohr sagen hören. Das sich die Partei- und Fraktionsspitze da mal nicht vertut, und den ohnehin geschundenen kommunalen Finanzen und dem damit verbundenen Interessen der städtischen Anteilseigner nicht zu wenig Gewicht beimisst. Diese Großbaustelle könnte die letzte werden, die SchwarzGelb auftut, und die die Opposition nach Neuwahlen nur noch zuschütten muss. Der heiße Herbst ist offensichtlich keine Phrase, sondern ein Pulverfass an dem Merkel und ihre Vasallen zündeln.

  1. 01

    Die HSE steht hier kommunalpolitisch unter Feuer, weil ein paar Dinge passiert sind, die wenig mit dem energiepolitischen Kurs zu tun haben.

    Sessel, Pensionen, geheime Windpark-Investitionen, das doppelte Logochen und zuletzt der Kauf eines kanadischen Öko-Zertifizierers stoßen den Stadtverodneten sauer auf, weil sich dabei die HSE einer Kontrolle entzieht oder unnötig blamiert.

    Marc at September 8th, 2010 around 14:40
    Jump to the top of this page
  2. 02

    Das die Pensionsregelung für den Herrn Finanzvorstand unangemessen getroffen ist, ist nicht zu bestreiten. Das peinliche Plagiat als neues Logo, noch dazu mit einem Slogan aus zweiter Hand, ist an Dilletantismus kaum zu überbieten, da bin ich dir dankbar für die Berichterstattung im Blog. Ob die Sesseln im Foyer zehn, dreißig oder vielleicht fünfzig Jahre halten, das sei den Leserbriefeschreibern überlassen darüber zu philosophieren.Nichts desto trotz hat das wenig damit zu tun, worauf die genannten Interessenträger gern Einfluß hätten, nämlich die strategische Ausrichtung. Das hier Nebenkriegsschauplätze aufgemacht werden, ist in der Sache nicht zielführend, auf die versucht wird Einfluß zu nehmen, nämlich eben die strategische Ausrichtung.

    Inwiefern es “geheime Windpark-Investitionen” gegeben hat und der Kauf eines “kanadischen Öko-Zertifizierer” nicht vorher mit den Stadtverordneten besprochen wurde, kann ich als Normalsterblicher schlecht einschätzen. Da städtische Unternehmen aber auf dem selben Markt aggieren, und hier mit dem private Sektor konkurrieren – dürfen, können und müssen, muss ich davon ausgehen, das die betroffenen Stadtverordneten und -räte sich nur in ihrem Informationsbedürfnis, nicht aber ihrer Entscheidungsgewalt beeinträchtigt sehen. Denn insofern die Stadtverordneten keinen Mehrwert darin sähen, sich auf dem freien Markt Gewinn-bringend zu betätigen, könnten sie das zu jeder Zeit beschliessen, und würden damit per sofort Fakten schaffen. Andernfalls läge ihr Interesse doch vielmehr darin, auf das operative Geschäft Einfluß zu nehmen, und bei allem nötigen Respekt: Das sich jemand der kritisierenden Stadtverordneten und -räte sachverständig ist und auch sich auch vom Umfange her in der Lage sieht, jeden Einzelfall prüfen zu können, bezweifele ich ernsthaft. Auf der anderen Seite kann nicht pauschal allen Stadtverordneten Zugang zu vertraulichen Verkaufsunterlagen gewährt werden, dazu wird sich kein Anbieter hinreißen lassen. Letztlich gibt es auch kein Instrument, den Stadtverordneten und -räten dann Einspruch zu ermöglichen, ohne den Vorgang insgesamt zu beschädigen. Vor diesem Spagat dachte ich, sei der Stadtwirtschaft das Vertrauen übertragen worden, und in dem Sinne handele die hse. Wenn hiergegen Einwand herrschen würde, würde ich meines Erachtens mehr im Echo darüber lesen. Vielmehr fürchte ich, das hier schlicht vorgezogener Wahlkampf stattfindet. Das wiederum ist in der gegenwärtigen Situation wiederum verständlich, wenngleich nur Schaukampf.

    Udo at September 8th, 2010 around 23:07
    Jump to the top of this page
  3. 03

    Plötzlich soviel Vertrauen ins Echo? ;-)

    Marc at September 9th, 2010 around 11:12
    Jump to the top of this page
  4. 04

    Gibt ja nicht “das Echo”, wie nicht alle Journalisten “Qualitätsjournlisten” sind ;-)

    Udo at September 9th, 2010 around 11:43
    Jump to the top of this page
  •  
  •  
  •  

You can keep track of new comments to this post with the comments feed.