Der JMStV, Zensursula und die zarte Oppositionsbank

Die Fraktionen der drei kleinen Parteien im deutschen Bundestag haben während der Großen Koalition genüsslich auf Schwarz-Rot eingedroschen, so entstand das Ungleichgewicht zwischen CDU/CSU und FDP ebenso wie das desaströse Ergebnis für die Sozialdemokraten. Jetzt, acht Monate nach der Wahl, ist mit Ausnahme des Geplänkel im Vorfeld der Wahlen in Nordrhein-Westfalen kaum etwas von der zarten Oppositionsbank zu hören.

Das schmerzt vor allem in Hinblick auf nicht so ganz unwesentliche Politikbereiche wie die Netzpolitik, weil ihre Positionen in der Vergangenheit und der Gegenwart weder in der Bevölkerung mehrheitsfähig war, noch der sozialdemokratischen Geschichte würdig. Nimmt man in weitgehender Unkenntnis der Details einmal an, das die SPD und ihre Vorläufer in ihrer Geschichte ab 1863 schon so einigem Widerstand getrozt, jedem noch so gefährlichen Gegner die Stirn geboten und die Freiheitsrechte aller und jedes Einzelnen um jeden Preis zu erhalten versuchten, so fällt doch auf, das gerade in den letzten zehn Jahren viele Freiheits- und Bürgerrechte auch mit Hilfe der SPD zu Grabe getragen wurden. Zugegeben: Von CDU/CSU ist nichts anderes zu erwarten als „der starke Überwachungsstaat“, in dem gilt Sicherheit vor Freiheit. Die ehemalige Bürgerrechtepartei FDP hat sich da auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Bündnis 90/Die Grünen ist das selbe vorzuwerfen wie der SPD, nämlich das sie von der harten Oppositionsbank im Regelfall Freiheitsrechte stützt, in Regierungsverantwortung aber stutzt. Doch der Unterschied liegt auf der Hand, denn die SPD war in jedem Fall entweder federführend-tonangebend oder – in der Großen Koalition – vom Stimmgewicht her unverzichtbares Zünglein an der Feineinstellung zu Justitas Waage.

Folgende Tabelle (hervorgegangen aus Überwachungsgesetze; CC-BY) liest sich Blog-ähnlich in der Chronologie von unten nach oben, jeweils vorangestellt die Regierungskoalition und in den jeweiligen Spalten fett hervorgehoben abweichendes Verhalten zur eigenen Regierung bzw. Regierung-konformes Verhalten von der zarten Oppositionsbank.

  Einschränkung von Bürgerrechten; zugrunde liegende Gesetze anzeigen … Beschluss C*U SPD FDP Grüne Linke
41. Online-Zugriff US-amerikanischer Behörden und Dienste auf deutsche Fingerabdruck- und DNA-Datenbanken, Auslieferung von Informationen an die USA durch Gesetz zu dem Abkommen vom 1. Oktober 2008 zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika über die Vertiefung der Zusammenarbeit bei der Verhinderung und Bekämpfung schwerwiegender Kriminalität 03.07.2009 + +
40. Wegfall der Beschränkung auf organisierte Kriminalität; Sammlung von Daten privater Stellen; automatischer, massenhafter Austausch von Daten zwischen Europol und nationalen Behörden; automatisierter Zugriff Europols auf „nationale und internationale Informationssysteme“; Freigabe der Daten; nicht vorbestrafter Bürger; Einschränkung der Informationsrechte Betroffener durch Gesetz zur Änderung des Europol-Gesetzes, des Europol-Auslegungsprotokollgesetzes und des Gesetzes zu dem Protokoll vom 27. November 2003 zur Änderung des Europol-Übereinkommens und zur Änderung des Europol-Gesetzes 19.06.2009 + + o
39. Vorratsspeicherung der Nutzung staatlicher Internetportale durch Gesetz zur Stärkung der Sicherheit in der Informationstechnik des Bundes 18.06.2009 + +
38. Sperrung des Zugriffs auf Internetseiten durch das Bundeskriminalamt (“Zensursula”) durch Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen 18.06.2009 + +
37. Überwachung Minderjähriger und Ortung von Handys durch den Verfassungsschutz; Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs durch Erstes Gesetz zur Änderung des Artikel 10-Gesetzes 27.03.2009 + +
36. Zentrale elektronische Speicherung sämtlicher Einkommensdaten von Arbeitnehmern für die Dauer von vier Jahrens durch Gesetz über das Verfahren des elektronischen Einkommensnachweises (ELENA-Verfahrensgesetz) 23.01.2009 + + o o
35. Personalausweise nur noch mit kontaktlosem RFID-Chip und biometrischem Foto, optionaler Chip zur Identifizierung im Internet und an Automaten durch Gesetz über Personalausweise und den elektronischen Identitätsnachweis sowie zur Änderung weiterer Vorschriften 18.12.2008 + +
34. Aufrüstung des Bundeskriminalamts zu einer zentralen Staatspolizei mit zahlreichen Befugnissen wie Computerüberwachung („Online-Durchsuchung“), Abhören und Filmen durch Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt 12.11.2008 + +
33. Auskunftanspruch Privater zur Ermittlung von Rechtsverletzern (z.B. Ermittlung von Tauschbörsennutzern über deren Internetprovider) durch Gesetz zur Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums 11.04.2008 + +
32. Staatliche Erfassung der an Bord von Schiffen und Fähren befindlichen Personen (Fahrgäste, mitreisende Familienmitglieder, Besatzungsmitglieder) durch Gesetz zur Änderung seeverkehrsrechtlicher, verkehrsrechtlicher und anderer Vorschriften mit Bezug zum Seerecht 24.01.2008 + + + +
31. Übermittlung von Passagierdaten bei Flügen aus Drittstaaten an Bundespolizei, Verlängerung der Speicherdauer von Videoaufzeichnungen auf Flughäfen und Bahnhöfen von 48 Stunden auf 30 Tage durch Drittes Gesetz zur Änderung des Bundespolizeigesetzes 15.11.2007 + +
30. Fluggastdatenübermittlung in die USA inklusive dortige Vorratsspeicherung und Datenweitergabe durch Gesetz zu dem Abkommen vom 26. Juli 2007 zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika über die Verarbeitung von Fluggastdatensätzen (Passenger Name Records – PNR) und deren Übermittlung durch die Fluggesellschaften an das United States Department of Homeland Security (DHS) (PNR-Abkommen 2007) 15.11.2007 + +
29. erweiterte verdeckte Ermittlungsmaßnahmen gegen mutmaßliche Straftäter, sechsmonatige Speicherung aller Verbindungsdaten durch Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen sowie zur Umsetzung der Richtlinie2006/24/EG (Vorratsdatenspeicherung)(Verfassungsbeschwerde anhängig) 09.11.2007 + +
28. Zentrale Steuerdatei mit Steuer-Identifikationsnummer, Religionszugehörigkeit, Ehepartner/Ehepartnerinnen/Kinder und Steuerklassen für die gesamte Bevölkerung (nicht nur Arbeitnehmer) durch Jahressteuergesetz 2008 08.11.2007 + +
27. Verdeckte Audio-/Videoüberwachung auch von Wohnungen durch den Zoll, erleichterte Telekommunikationsüberwachung, Datenauslieferung an das Ausland durch Gesetz zur Änderung des Zollfahndungsdienstgesetzes und anderer Gesetze 12.06.2007 + +
26. Speicherung biometrischer Daten wie Lichtbild und Fingerabdrücke in RFID-Funkchips in Pässen, Zulassung eines Online-Abrufs gespeicherter Lichtbilder durch Polizei- und Bußgeldbehörden bei Straßenverkehrsordnungswidrigkeiten durch Gesetz zur Änderung des Passgesetzes und weiterer Vorschriften (Klage läuft) 24.05.2007 + +
25. Internet-Diensteanbieter dürfen Daten an Sicherheitsbehörden und private Rechteinhaber weitergeben durch Gesetz zur Vereinheitlichung von Vorschriften über bestimmte elektronische Informations- und Kommunikationsdienste (Elektronischer-Geschäftsverkehr- Vereinheitlichungsgesetz – ElGVG) 18.01.2007 + + +
24. Verlängerung des befristeten Gesetzes, erweiterte Auskunftsbefugnisse für BfV, MAD und BND durch Gesetz zur Ergänzung des Terrorismusbekämpfungsgesetzes (Terrorismusbekämpfungs- ergänzungsgesetz) 01.12.2006 + +
23. Gemeinsame Datei aller Sicherheitsbehörden (sog. „Anti-Terror-Datei“) durch Gesetz zur Errichtung gemeinsamer Dateien von Polizeibehörden und Nachrichtendiensten des Bundes und der Länder (Gemeinsame-Dateien-Gesetz) 01.12.2006 + +
22. Prümer Vertrag: Einführung eines Informationsaustauschs zwischen europäischen Polizeien durch Gesetz zu dem Vertrag vom 27. Mai 2005 … über die Vertiefung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, insbesondere zur Bekämpfung des Terrorismus, der grenzüberschreitenden Kriminalität und der illegalen Migration 19.05.2006 + + o o
  Gesetz; kritische Inhalte; mehr … Beschluss C*U SPD FDP Grüne Linke
CDU/CSU geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 18. September 2005: Große Koalition aus CDU/CSU und SPD
21. Wiedereinführung des großen Lauschangriffs durch Gesetz zur Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 3. März 2004 (akustische Wohnraumüberwachung) 12.05.2005 + +
20. Einsatz der Bundeswehr im Innern, Befugnis zum Abschuss von (Passagier-)Flugzeugen (verfassungswidrig), Zuverlässigkeitsüberprüfungen von Piloten durch Gesetz zur Neuregelung von Luftsicherheitsaufgaben 18.06.2004 + +
19. eindeutige, zentral erfasste Steuer-Identifikationsnummer für jede Person ab Geburt, elektronische Übermittlung von Lohnsteuerbescheinigungen an die Finanzverwaltung durch Zweites Gesetz zur Änderung steuerlicher Vorschriften (Steueränderungsgesetz 2003) 07.11.2003 + +
18. Finanzbehörden können im automatisierten Abrufverfahren Konten und Depots ermitteln durch Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit (teils verfassungswidrig) 17.10.2003 + +
17. Online-Abfrage auf Konten und Depots zur Terrorismusbekämpfung durch Gesetz zur weiteren Fortentwicklung des Finanzplatzes Deutschland (Viertes Finanzmarktförderungsgesetz) 21.06.2002 + + o
16. Verpflichtung aller Finanzinstitute und weiterer Berufsgruppen zur Erstattung von Verdachtsanzeigen, verschärfte Anforderungen an Giro- und Finanztransfergeschäfte durch Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung der Geldwäsche und der Bekämpfung der Finanzierung des Terrorismus (Geldwäschebekämpfungsgesetz) 13.06.2002 + + +
15. Möglichkeit zur nachträglichen Anordnung von Sicherungsverwahrung für Straftäter, Vorbehalt für die Anordnung im Urteil durch Gesetz zur Einführung der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung 07.06.2002 + +
14. Strafbarkeit von kriminellen und terroristischen Vereinigungen im Ausland (§ 129b StGB) durch 34. Strafrechtsänderungsgesetz 26.04.2002 + + +
13. IMSI-Catcher durch Gesetz zur Änderung der Strafprozessordnung (§ 100i StPO) 06.07.2001 + + o
12. „Sicherheitspaket II“: biometrische Merkmale in Pässen und Personalausweisen, erweiterte Kompetenzen für Sicherheitsbehörden, Erweiterung des Datenaustausches, Identitätsfeststellung im Visumverfahren, verschärfte Grenzkontrolle, verstärkte Überprüfung sicherheitsempfindlicher Tätigkeiten, Beschränkungen für extremistische Ausländervereine, Rasterfahndung, Schusswaffengebrauch in zivilen Luftfahrzeugens durch Gesetz zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus (Terrorismusbekämpfungsgesetz) 14.12.2001 + + +
  Gesetz; kritische Inhalte; mehr … Beschluss C*U SPD FDP Grüne Linke
SPD geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 27. September 1998: Rot-Grüne Koalition aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen
11. Großer Lauschangriff (Abhören von Wohnungen) durch Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 13) (verfassungswidrig) 16.01.1998 + + +  
10. Strafrechtsverschärfungen, Verschärfungen der Strafermittlungsbefugnisse, Ausdehnung der Kronzeugenregelung, Verschärfung des Ausländerrechts, Erweiterung der Befugnisse des Bundesnachrichtendienstes zur Überwachung der internationalen Telekommunikation durch Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches, der Strafprozeßordnung und anderer Gesetze (Verbrechensbekämpfungsgesetz) 20.05.1994 + +  
9. Strafrechtsverschärfung, Einführung des Straftatbestands „Geldwäsche“, Einsatz verdeckter Ermittler (Polizeibeamte unter falschem Namen) und von Überwachungsgeräten (Wanzen, „kleiner Lauschangriff“), erweiterte Telefonüberwachung, Rasterfahndungen und polizeiliche Beobachtung, erweiterte Einrichtung von Kontrollstellen durch Gesetz zur Bekämpfung des illegalen Rauschgifthandels und anderer Erscheinungsformen der Organisierten Kriminalität (OrgKG) 04.06.1992 + ? + ? ?
8. Präventive Überwachung des Brief-, Post- und Fernmeldeverkehrs durch den Zoll durch Gesetz zur Änderung des Außenwirtschaftsgesetzes, des Strafgesetzbuches und anderer Gesetze (verfassungswidrig) 23.01.1992 + +
7. Strafbarkeit der Vermummung bei Versammlungen, Strafrechtsverschärfung, Verschärfung des Versammlungsrechts durch Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches, der Strafprozeßordnung und des Versammlungsgesetzes und zur Einführung einer Kronzeugenregelung bei terroristischen Straftaten 21.04.1989 + +  
6. Verschärfung des Strafrechts, Strafbarkeit der Anleitung zu bestimmten schweren Gewalttaten durch Einführung eines neuen § 130a StGB, Kronzeugenregelung durch Gesetz zur Bekämpfung des Terrorismus 05.12.1986 + +  
5. Einführung des Vermummungsverbots durch Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches und des Versammlungsgesetzes 28.06.1985 + +  
  Gesetz; kritische Inhalte; mehr … Beschluss C*U SPD FDP Grüne  
CDU/CSU geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 6. März 1983: Koalition aus CDU/CSU und FPD
4. Kontaktsperregesetz: Unterbindung des Verkehrs von Gefangenen mit der Außenwelt bei ernsthaften Gefahrenlagen durch Gesetz zur Änderung des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetz 29.09.1977 + + +    
SPD geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 3. Oktober 1976: Sozialliberale Koalition aus SPD und FPD
3. Anti-Terror-Gesetz: Strafbarkeit der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung durch § 129a StGB 24.06.1976 + + +    
  Gesetz; kritische Inhalte; mehr … Beschluss C*U SPD FDP    
SPD geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 28. September 1969: Sozialliberale Koalition aus SPD und FPD
2. Briefgeheimnis sowie Post- und Fernmeldegeheimnis (Art. 10 GG), die Freizügigkeit (Art. 11 GG) und freie Berufsausübung (Art. 12 GG) dürfen eingeschränkt werden, im Notstandsfall (Katastrophen) auch weitere Grundrechte, bei Naturkatastrophen können Bundespolizei und Bundeswehr eingesetzt werden, Geheimdienste und Strafverfolger erhalten Erlaubnis zum Abhören des Fernmeldeverkehrs durch Notstandsverfassung 30. Mai 1968 + +    
  Gesetz; kritische Inhalte; mehr … Beschluss C*U SPD FDP    
CDU/CSU geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl am 19. September 1965: zunächst Koalition aus CDU/CSU und FDP, später – zum Zeitpunkt der Beschlussfassung – Koalition aus CDU/CSU und SPD
1. Einschränkbarkeit von Grundrechten im Verteidigungsfall

durch Wehrverfassung

6. März 1956 + + +    
CDU/CSU geführte Bundesregierung durch Bundestagswahl 1949/1953: Koalition aus CDU/CSU, DP, FDP/FVP

Den sozialdemokratischen Genossen im Bundestag ist demnach vorzuwerfen, das sie ihrem eigenen Anspruch, oder besser gesagt dem Anspruch an eine so traditionsreichen, aufrechten Partei nicht gerecht wurden. Betrachtet man die Vielzahl der Gesetze und die noch größere Zahl beschnittener Bürgerrechte, laufen einem kalte Schauer über den Rücken. Vieles ist dem internationalen Terrorismus geschuldet, und trotzdem kann man sich nicht sicherer fühlen. Manches dient schlicht dem Staate zur Sicherung seiner Steuereinnahmen. Meistens sind die Maßnahmen den Menschen da draussen, denen die Politik und der sie ausübende Menschen im Staatsapparat drin ja dient, in erster Linie schlechter Erinnerung.

Gerade den jungen, Internet-affinen Menschen ist noch das Gezerre um Zensursula im Gedächtnis, bei dem CDU/CSU – wie sie später sogar zugaben – ihren Koalitionspartner SPD mit einem noch nicht einmal im Koalitionsvertrag fixierten Vorhaben vor sich hertrieben, das letztlich nie umgesetzt wurde: Zensursula spaltete die interessierte Öffentlichkeit in einen kleinen Teil Propaganda erliegender Leichtgläubiger, die den Christdemokraten abnahmen das es ihnen um das Kindeswohl gehe, dem weitaus größeren Teil der Skeptiker, die sich über das halbe Jahr von den Argumenten gegen eine staatliche Zensur überzeugen lies, und einem noch viel größeren Teil verlorener Wähler, die sich weder von den Argumenten der einen noch der anderen Seite überzeugen ließen, denen durch das Verhalten der SPD-Parlamentarier klar sein musste: Egal welche Konstellation die Koalition nach der Wahl wiedergibt, einer der Befürworter dieser Gesetzgebung ist an Bord, und so verfestigte wieder eine kleiner einstelliger Prozentsatz für sich das populäre aber falsche Bild von der unwichtigen, nicht Wahl und vor allem nicht Politik entscheidende Stimme.

Zensursula hätte Gelegenheit gegeben, dem Koalitionspartner die Stirn zu bieten, und aufzuzeigen, das die Genossen mit SPD-Parteibuch im deutschen Bundestag eigene Entscheidungen treffen und sie nicht von Dritten vorgeben lassen. Gerade die Befürworter und die im Anschluss ausgeschiedenen werden jetzt sagen, man habe CDU/CSU viele Kompromisse abgerungen, und das Gesetz in seiner ursprünglichen Form verhindert. Doch das zeigt nur um so deutlicher, das sie Kompromisse einzugehen sogar dann bereit sind, wenn das angestrebte Gesetz und die hieraus hervorgehende Technik sich als völlig untauglich herausgestellt hat – man könnte auch sagen das es ihnen schlicht egal war, und es ihnen nur um den Koalitionsfrieden und den Eindruck in der Öffentlichkeit ginge, es ginge auch ihnen nur um Kinder statt Karriere.

Was taten die Abgeordneten der SPD stattdessen: Mit Ausnahme von drei Kollegen stimmten sie geschlossen für Zensursula, und der ausgewiesene Fachmann im Bereich Medien und Medienrecht verlies noch am selben Tag seine Partei, die ihn seit den Vorwürfen um seine Person wie einen Aussätzigen behandelte. Der zweite im Bunde verteidigt Jörg Tauss vor Gericht, gegen den Staatsanwalt, dessen populistische Öffentlichkeitsarbeit die Causa Tauss stets befeuerte.

Die Quittung dafür kassierten wir bei der Bundestagswahl, in Form von 23%.

Im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen gab es ein weniger populäres Thema mit dennoch viel weiter reichenden Befugnissen und Einschränkungen noch als mit Zensursula, nämlich die Neuverhandlung des Jugendmedienstaatsvertrages (kurz JMStV). Hier waren die Verhandlungsparteien zumeist die selben, wie seinerzeit beim Zensurgesetz, denn der Staatsvertrag liegt in der Verantwortung der Länder, somit von Vertretern von CDU/CSU und SPD dominiert wird.

Dieses Mal widmete sich Schwarz-Rot also dem Kinder- und Jugendschutz aus der anderen Perspektive, als mögliche Rezipienten Jugend-gefährdender Schriften, und der Verhinderung des Zugangs von Kindern und Jugendlichen darauf. Doch so verschieden die Gremien und Perspektiven waren, aus denen die Vorschläge gereichten, die vorgeschlagenen Maßnahmen waren so untauglich wie seinerzeit bei Zensursula: Öffnungszeiten für Websites, um nur einen anzureißen. Trotz öffentlicher Kritik und jener in Expertenanhörungen lies man sich auch dieses Mal nicht von dem Quatsch abbringen, und die Vertreter von CDU/CSU und SPD einigten sich auf ihr Machwerk weitestgehend – vor der Wahl. Und nach der Wahl? Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen appeliert der Vorsitzende des verhandelnden Gremiums an seinen Kollegen in den Ländern »JMStV soll zurückgestellt werden« (via netzpolitik.org, telemedicus.info), und der neu gegründet Gesprächskreis Netzpolitik der SPD positioniert gegen den herrschenden Entwurf.

Vor dem Hintergrund dieser Verlautbarungen kann dem Beobachter doch nur der Eindruck entstehen, dass das vor der Wahl gesagte dem Populismus und das nach der Wahl nicht vollzogene nur durch Rückkehr zur Real- und Tagespolitik geschuldet ist. Langsam verzweifele ich etwas, was die überregionale Politik angeht, und unser Vermögen als einfache Genossen, derart Sinn-entleerte Politik vor Ort zu vermitteln. Gerade das aber ist doch der Anspruch des neuen Vorsitzenden Gabriel an uns, an sich und an die Partei insgesamt. Hier liegen Anspruch und Wirklichkeit mindestens ebenso weit auseinander wie zwischen den Gesetz-/Vertragsentwürfen auf der einen und dem Vorhaben auf der anderen Seite.

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